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Wenn Freunde härter als Therapeuten sind

Wer ernsthaft glaubt, dass ein diplomierter Psychotherapeut mit Couch und Taschentuchbox hart sein kann, der hat noch nie die geballte, jahrzehntealte Liebesbekundung echter Freunde abbekommen. Ein Therapeut wahrt professionelle Distanz, schreibt sich Notizen auf und rechnet nach Stunden ab. Ein Freund, der dich schon mit Windeln oder beim ersten illegalen Mofa-Rennen erlebt hat, scheißt auf Distanz. Der nimmt die psychologische Schaufel, rammt sie ungefragt direkt in deine Seele und befördert den ganzen Dreck, den du mühsam unter diplomatischen Ausreden versteckt hast, ans Tageslicht. Und das völlig gratis.

Ich weiß noch genau, wie viele dieser wunderbar zähen Diskussionen wir damals hatten. „Mensch Joachim, warum trinkst du denn eigentlich nicht mal ein normales Bier mit uns?“, hieß es anfangs noch fast besorgt. Und was macht der Profi-Alki im Tarnmodus? Er lügt, dass sich die Balken biegen. Ich zog das gesamte, feige Standardprogramm ab: Mal war es der Magen, mal der exorbitante Stress im Job, mal ein mysteriöser Infekt Hauptsache, die Fassade stand.

Denn seien wir mal ehrlich: Damals, als ich noch so richtig professionell gesoffen und eben nicht kultiviert „getrunken“ habe, war das mit meiner Verlässlichkeit ein absoluter Witz. Ich war ein Musterknabe an Unzuverlässigkeit. Mir war schlichtweg immer etwas anderes wichtiger. Oder präziser ausgedrückt: Wer mir am nächsten stand, war die hochprozentige Flüssigkeit im Glas. Meine wahre berufliche Berufung lag damals in der perfekten Alkohol-Logistik. Welcher Supermarkt hat noch offen? Wie kriege ich den Vorrat unfallfrei nach Hause? Stimmt das Timing der Pegelhaltung? Für diesen Unfug hatte ich die Energie eines Spitzenmanagers. Für meine Freunde? Da blieben oft nur die Reste. Ich habe Verabredungen mit den hanebüchensten Begründungen platzen lassen oder saß wenn ich denn mal auftauchte nur als komatöse, körperliche Hülle am Tisch. Mein Geist war ohnehin schon längst auf der Jagd nach der nächsten Dosis. Ein grandioser Partygast, wirklich.

Das eigentlich Erstaunliche und irgendwo auch völlig Unverständliche ist: Die Jungs haben es mir nie dauerhaft übel genommen. Wahrscheinlich kannten sie mich einfach schon zu lange, um mich wegen akuter Verblödung aufzugeben. Sie wussten wohl vor mir selbst, dass da unter der spritgetränkten Maske immer noch derselbe Joachim steckte, mit dem sie früher durch die Ruinen gezogen waren.

Aber man sollte nicht meinen, dass diese drei mich mit meiner wehleidigen Urlaubs- und Stresslyrik durchkommen ließen. Sie hatten jedes Recht der Welt, mir verbal die Leviten zu lesen. Weil sie mich mochten warum auch immer.

Ich werde diesen einen Abend bis an mein Lebensende nicht vergessen. Wir saßen in gemütlicher Runde zusammen. Eigentlich die perfekte Kulisse, um das Leben zu genießen, aber die Luft war bereits bleischwer von meinem unerträglichen Herumgeeiere und den unausgesprochenen Wahrheiten, die wie Elefanten im Raum standen. Ich setzte gerade wieder zu meiner weltmeisterlichen, wehleidigen Leier an, warum ich ausgerechnet heute und ganz exklusiv leider, leider nicht mit anstoßen könne, als Wilhelm die Geduld verlor. Er schnitt mir mitten im Satz das Wort ab, schaute mich an und servierte mir die nackte Realität auf dem Silbertablett:

„Joachim, hör auf mit der Scheiße. Deine Ausreden, die kotzen mich so langsam an.“

Bumm. Das saß. Totenstille. Man hätte eine Stecknadel im Teppich versinken hören können. Ich starrte ihn an, innerlich völlig ertappt, zutiefst beleidigt im Stolz des chronischen Lügners und sterbend vor Wut.

Und Peter? Der bewies mal wieder das dramaturgische Gespür eines Bestatters. Er saß einfach nur da, würdigte die Szene keines Blickes, starrte auf den Tisch und meinte in seiner unnachahmlichen, staubtrockenen Art:

Dann nimm ein Tütchen, Wilhelm. Sonst hast du es gleich bei dir auf dem Boden liegen.

Hajo setzte der therapeutischen Sternstunde dann die Krone auf. Er grinste nur dreckig von der Seite, nippte an seinem Glas und warf entspannt hinterher:

„Und wenn schon. Dann muss Achim es eben hier sauber machen.“

In genau diesem Moment, irgendwo zwischen Wilhelms Wut und Peters Tütchen-Vorschlag, passierte etwas Merkwürdiges. Meine mühsam hochgezogene Verteidigungsmauer stürzte in sich zusammen wie ein billiges Kartenhaus. Da war kein moralischer Zeigefinger in ihren Augen, kein Mitleid, sondern diese herrlich brutale, raue Vertrautheit. Die drei wussten das sowieso schon alles längst. Mein ganzes, mühsam inszeniertes Theater war völlig für die Katz gewesen. Sie brauchten den Schaukelstuhl-Joachim mit seinen Ausflüchten nicht. Sie wollten einfach nur mich den echten, ungeschminkten Joachim. Ganz ohne den Schnaps und die dämlichen Lügen.

Was bleibt nach 60 Jahren? (Außer Phantomschmerz in den Knochen)

Heute bin ich einfach nur unendlich froh, dass diese drei Vögel damals stur geblieben sind. Egal, was für ein Unsinn in meinem Leben bis jetzt passiert ist und was mir der Rest des Älterwerdens noch so vor die Füße werfen wird: Ich kann mich blind auf sie verlassen.

Und das schönste Paradoxon meines mittlerweile staubtrockenen Lebens ist: Nach einer gefühlten Ewigkeit der totalen Unzuverlässigkeit können sie sich tatsächlich auch wieder auf mich verlassen. Ich stehe wieder auf dem logistischen Sendeplatz, und diesmal ohne Promille im Tank.

Klar, wir sind heute über die gesamte Erdkugel verstreut. Wir sind so grau geworden, dass wir im Winter im Schnee kaum auffallen würden, und beim Aufstehen machen unsere Knochen Geräusche wie ein schlecht geöltes Uhrwerk. Aber diese drei Männer sind mein unverwüstliches Fundament. Therapeuten mögen dir ja vielleicht den Weg auf einer schicken Powerpoint-Präsentation zeigen aber echte Freunde gehen mit dir ohne zu murren durch die tiefste Hölle. Selbst dann, wenn sie dir auf dem Weg dorthin ab und zu kräftig den Hintern versohlen müssen, damit du das Gehen nicht vergisst.

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