
Rückblick auf eine Reifeprüfung: Das Überlebensprotokoll vom Bierpilz
Damals stand ich nun da. Es war ein Samstagabend, 21:30 Uhr, das Dorffestzelt bebte, die Blasmusikanten droschen auf ihre Instrumente ein, und die Luft war eine feine Mischung aus Bratwurstfett, Schweiß und dem süßlichen Dunst von frisch gezapftem Pils. Es war die absolute Peak-Phase des alljährlichen Dorffestes. Früher war das mein natürlicher Lebensraum gewesen. An jenem Abend aber stand ich dort mit einem Glas eiskaltem Mineralwasser, in dem eine deprimierende Zitronenscheibe schwamm, und beobachtete die totale Sabotage meines mühsam aufgebauten Elends.
Direkt am Bierpilz traf ich Schorsch. Er blickte mich aus glasigen Augen an, schwankte im Takt von „Atemlos“ und lallte: „Mensch Joachim, du siehst so… so gesund aus. Was’n los mit dir?“
Gesund. Das war damals das schreckliche Wort. Ich nippte an meinem Wasser und dachte an meine Leber. Dieses treue, leidensfähige Organ hatte sich jahrelang so gemütlich an das Fettleber-Dasein gewöhnt. Jetzt, nach den ersten Monaten der Abstinenz, arbeitete das Ding so unverschämt perfekt, dass meine Blutwerte den Arzt langweilten. Ich spürte keine Schwellungen unter den Rippen mehr, während Schorsch gerade versuchte, sich an der Theke festzuhalten, weil seine eigene Leber vermutlich laut um Gnade winselte. Es erschien mir wie ein Skandal, diese rasche körperliche Regeneration.
„Ich trinke nicht mehr, Schorsch“, sagte ich laut gegen die Trompeten an. „Was? Krank?“, fragte er entsetzt. „Schlimmer“, rief ich zurück. „Freiwillig.“
Schorsch schüttelte fassungslos den Kopf und bestellte das nächste Herrengedeck. Ich blickte auf die Uhr. Halb zehn. Früher wäre ich zu dieser Zeit schon in der Phase der „chemisch induzierten temporären Demenz“ gewesen – mein Nebel im Kopf war damals mein bester Freund gewesen. Da hatte man sich keine Sorgen um ungeöffnete Rechnungen oder verpasste Chancen machen müssen; das Kurzzeitgedächtnis hatte die Halbwertszeit einer Eintagsfliege gehabt. Und an jenem Abend? Mein Verstand war so beängstigend messerscharf und klar, dass ich jede schiefe Note der Blaskapelle ungefiltert ertragen musste. Ich konnte mich nicht mal mehr mit einem Filmriss herausreden.
Um viertel vor zehn kam der Wind von der Seite, das Zelt zog. Früher hätte ich sofort meinen „Männerschnupfen“ bekommen mein Immunsystem war ja dauerhaft im Streik und das perfekte Ticket gewesen, um sich tagelang im abgedunkelten Zimmer vor der Welt zu verbarrikadieren. Doch an diesem Abend weigerte sich mein Körper beharrlich, bei jedem vorbeifliegenden Hustenkeim zu kapitulieren. Ich stand in der Kälte und fror nicht mal richtig. Eine pure Enttäuschung.
„Du hast abgenommen, oder?“, rief mir Gitti, eine Bekannte, im Vorbeigehen zu. Ich blickte an mir herab. Es war ein weiteres optisches Desaster: der Gewichtsverlust. Mein mühsam finanzierter Bierbauch, der mich jahrelang wie ein schützender Airbag vor der Welt bewahrt hatte er war einfach weggeschrumpft. Ich passte wieder in Hosen, die ich vor zehn Jahren verflucht hatte. Mein Gesicht sah nicht mehr aus wie ein überreifer Hefekloß, sondern hatte plötzlich wieder eine Kinnlinie. Und die Haut schuppte und rötete sich nicht mal mehr im Neonlicht der Pommesbude. Es war widerlich, wie vernünftig ich aussah.
Gegen elf wurde es auf der Tanzfläche wilder. Früher wäre das der Moment für meine epischen, melancholischen Monologe gewesen, in denen ich nachts mit schwerer Zunge die ungerechte Welt und vor allem mich selbst bemitleidet hätte. Doch meine Psyche spielte nicht mit. Statt depressiver Schwingungen fühlte ich eine beängstigende emotionale Stabilität. Als mir jemand sein Bier halb über die Jacke schüttete, atmete ich einfach tief durch und blieb ruhig. Es gab schlicht kein Drama.
Mein Herz schlug dabei im furchtbar langweiligen Sinusrhythmus vor sich hin. Kein spannendes Herzrasen mehr wie früher, wenn man um die Uhrzeit panisch den Pegel hatte kontrollieren müssen, um nicht vorzeitig umzukippen. Der Blutdruck blieb im tiefsten grünen Bereich. Reine Monotonie.
Das Schlimmste passierte aber um Mitternacht. Meine Frau kam zu mir, sah mich an und lächelte. Kein mitleidiger, strenger Kontrollblick. Kein heimliches Riechen an meinem Atem. Wir unterhielten uns einfach. Unsere Beziehung war völlig verändert von dieser neuen, unheimlichen Verlässlichkeit. Früher war ich der unberechenbare Chaot gewesen, über den man sich herrlich Sorgen hatte machen können. In jener Woche hatten mich die Nachbarn sogar angerufen, ob ich sie fahren könne – weil ich verlässlich geworden war! Ich hatte tatsächlich pünktlich erscheinen müssen. Das nahm dem Eheleben jegliche literarische Tragik.
Als wir das Zelt verließen, griff ich in meine Tasche, um den Eintritt zu bezahlen. Und da traf mich der nächste Schlag: akuter Geld- und Zeitüberschuss. Früher war mein Portemonnaie nach so einem Abend leergefegt und das Geld sauber im Altglascontainer angelegt gewesen. Damals war es deprimierend voll. Und ich hatte noch den ganzen Sonntag vor mir! Keine zwölf Stunden Elend im Bett, um den Kater zu pflegen.
Denn das war die wahre Frechheit der Schlafbiografie jener ersten trockenen Zeit: Ich ging in dieser Nacht ins Bett, ohne ins Koma zu stürzen, und wachte am nächsten Morgen um sieben Uhr man wagte es kaum auszusprechen – völlig erholt auf. Während das halbe Dorf an diesem Morgen mit dem Gefühl erwachte, dass ein Trupp Waldarbeiter eine Eiche in ihrem Schädel fällte, lag ich hellwach da und musste den Tag ertragen.
Aus der heutigen Perspektive als fast 70 Jähriger, mehr als ein Vierteljahrhundert später, weiß ich, dass dieser Abend am Bierpilz einer der ersten großen Siege über meine alten Dämonen war. Was sich damals im ersten Moment wie ein Verlust von Gewohnheiten anfühlte, war in Wahrheit der Beginn meiner echten Freiheit.