
Mein 18-jähriger Schleichmarsch: Wie ich meine Sucht wie ein Top-Manager wegoptimierte
Wenn du wie ich seit inzwischen über 25 Jahren trocken bist, blickst du auf dein früheres Ich nicht mehr mit Tränen in den Augen zurück. Es ist eher ein amüsiertes, leicht fassungsloses Kopfschütteln. Man betreibt quasi historische Ursachenforschung am lebenden Objekt.
Aus der sicheren Distanz eines Vierteljahrhunderts ohne Promille präsentiere ich also: Die Chronik meines ganz persönlichen, 18 Jahre dauernden Marsches in den Sumpf. Verpackt in die eiskalte, betriebswirtschaftliche Logik eines Mannes, der felsenfest glaubte, er hätte alles im Griff.
Phase 1: Das Feierabend-Logistik-System (Oder: Wie ich das Trinken rationalisierte)
Als Diplom-Kaufmann und Logistiker war ich es gewohnt, komplexe Abläufe mit maximaler Effizienz zu dirigieren. Mein fataler Fehler? Ich habe dieses Prinzip eins zu eins auf meinen Feierabend übertragen. Nach zehn Stunden zwischen Bilanzen, Organisationsstrukturen und dem ganz normalen Wahnsinn im Büro suchte ich schlicht nach einer pragmatischen Lösung, um das Karussell im Kopf anzuhalten.
Das erste Glas Wein oder Bier war in meiner Logik kein Genussmittel. Nein, ich taufte es hochwissenschaftlich „Erleichterungstrinken“. Ein reines Werkzeug des Krisenmanagements. Es senkte den mentalen Lärmpegel verlässlicher als jedes autogene Training und war wesentlich billiger als ein professioneller Coach.
Das Tückische an exzellent optimierten Systemen ist jedoch: Sie nutzen sich ab. Völlig unbemerkt baute mein Körper eine beachtliche Toleranz auf. Wo anfangs ein Glas reichte, um die Sorgen des Tages wegzuspülen, verlangte die Logistik meines Geistes bald nach der doppelten Ration, um denselben Entspannungseffekt zu erzielen. Ich verbuchte das damals vermutlich unter „steigendem Kapazitätsbedarf“.
Phase 2: Das geheime Lagerwesen (Die strategische Bevorratung)
Irgendwann verschob sich der Fokus. Mein innerer Logistikleiter lief zur Höchstform auf. Der Gedanke an den Feierabend war inzwischen untrennbar mit dem Gedanken an das erste Glas verknüpft; die Planung begann oft schon am frühen Nachmittag. Und was tut ein guter Logistiker? Er sichert die Lieferketten.
Ich begann mit der strategischen Bevorratung im verborgenen Raum. Eine Flasche in der Gartenhütte hinter den alten Kisten, eine im Kleiderschrank man nennt das wohl Just-in-Time-Verfügbarkeit. Offiziell war das natürlich rein präventiv. Damit ich bloß nicht trocken dastand, falls überraschend Gäste kamen. Spoiler: Es kamen nie Gäste. Und wenn, hätten sie meinen geheimen Vorrat ohnehin nicht anrühren dürfen.
Zu dieser logistischen Meisterleistung gesellten sich die ersten charmanten Aussetzer. Am nächsten Morgen fehlten plötzlich die letzten zwei Stunden des Vorabends im mentalen Protokoll. Keine dramatischen Abstürze mit Blaulicht, einfach kleine, saubere Filmrisse. Ein erstklassiger Datenverlust. Das schlechte Gewissen meldete sich zwar prompt, aber als erfahrener Manager drückte ich das mit einer lässigen Handbewegung und einer rationalen Ausrede weg: Man wird ja schließlich nicht jünger.
Phase 3: Der Kontrollverlust (Wenn das Controlling versagt)
Die Grenze zur echten Abhängigkeit wurde nicht mit Pauken, Trompeten oder einem großen Knall überschritten. Sie kam leise, fast höflich. Es war der Moment, in dem mein eisernes kaufmännisches Prinzip „Nur ein Glas“ krachend kollabierte. Nach dem ersten Schluck übernahm eine Eigendynamik das Steuer, die sich jeder Budgetierung und jeder Kontrolle entzog.
Die Folgen blieben nicht aus, aber meine Kreativität wuchs mit der Krise. Die Ausreden wurden regelrecht preisverdächtig, die Rechtfertigungen hochglanzpoliert. Wenn meine Frau fragte, warum mein Blick schon wieder so verdächtig gläsern war, lag das selbstverständlich am „mörderischen Stress“ im Büro oder an einer ganz fiesen, aufkommenden Erkältung. Dass es im Beruf und in der Familie bereits gewaltig im Gebälk knirschte, ignorierte ich elegant.
Meine stolz vorgenommenen Abstinenzphasen „Ab morgen wird für zwei Wochen absolut nichts getrunken!“ hatten die Halbwertszeit einer Eintagsfliege. Sie hielten selten länger als bis zum nächsten internen Krisenmeeting und scheiterten regelmäßig am Veto meines eigenen Verlangens. Mein innerer Aufsichtsrat war schlicht korrupt.
Phase 4: Das biologische Diktat (Das absolute Endstadium)
Am Ende dieser 18 Jahre regierte ohnehin nicht mehr mein vielgepriesener Geist, sondern die nackte, unbarmherzige Biochemie. Der Morgen begann nicht mehr mit dem Duft von frischem Kaffee, sondern mit einer unbestimmten, nervösen Unruhe und einem dezenten, aber unübersehbaren Zittern in den Händen.
Ein Zustand, der sich erst legte, wenn ich durch den ersten gezielten Schluck am Morgen das biologische Gleichgewicht künstlich wiederhergestellt hatte. „Spiegeltrinken“ nennt man das im Fachjargon. Ich nannte es damals vermutlich „Betriebstemperatur herstellen“. Ohne diesen Treibstoff lief der Motor gar nicht mehr an. Aus dem stolzen Logistik-Direktor war ein Sklave seiner eigenen Lieferkette geworden.
Mein bitter-ironisches Fazit
Das absolut Geniale und gleichzeitig Erschreckende an dieser 18-jährigen Reise war die perfekte Tarnung durch die Zeit. Weil der Körper die Dosis über fast zwei Jahrzehnte hinweg nur in homöopathischen Mengen steigert, merkt man selbst als studierter Mann meist viel zu spät, dass man die Ausfahrt aus der Normalität längst verpasst hat.
Man hält sich immer noch für den Kapitän, während das Schiff schon längst auf dem Meeresgrund parkt.
Erst wenn das System gezwungenermaßen für 24 bis 48 Stunden komplett stillsteht, zeigt der Körper durch massiven Entzug in aller Brutalität, wer hier mittlerweile die Fäden in der Hand hält.
Heute kann ich darüber schmunzeln. Aber nur, weil ich weiß, wie verdammt viel Glück ich hatte, das Ruder noch einmal herumzureißen.