
Die unerträgliche Leichtigkeit des Nüchternseins
Wissen Sie, was das Schlimmste am Trockenwerden ist? Die totale Sabotage des eigenen Lebensstils. Man schuftet jahrelang hart an seinem Ruin, investiert Unmengen an Geld, Talent und Gehirnzellen – und dann? Ein paar Monate ohne den geliebten Gerstensaft, und das gesamte mühsam aufgebaute Imperium des Elends bricht zusammen.
Nehmen wir nur mal meine Leber. Dieses treue Organ hatte sich so schön an das gemütliche Fettleber-Dasein gewöhnt. Und jetzt? Die Laborwerte sind so unverschämt perfekt, dass mein Arzt mich fast gelangweilt ansieht. Keine Schwellungen mehr, kein dumpfer Druck im rechten Oberbauch. Es ist eine absolute Frechheit, wie sich dieser Körper einfach ohne meine Erlaubnis regeneriert.
Völlig ruiniert ist auch meine Schlafbiografie. Früher war das Leben einfach: Umkippen, ins Koma fallen, und am nächsten Morgen mit dem charmanten Gefühl aufwachen, dass ein Trupp Waldarbeiter im eigenen Schädel eine Eiche fällen will. Heute? Ich lege mich ins Bett, schlafe ein und – man wagt es kaum auszusprechen – wache morgens erholt auf. Vorbei die Zeiten, in denen man um vier Uhr morgens schweißgebadet panische Existenzängste pflegen konnte. Jetzt liege ich da, fit wie ein Turnschuh, und muss den Tag ertragen.
Apropos ertragen: Dieser unerträgliche Nebel im Kopf ist weg. Früher konnte ich herrlich prokrastinieren, weil mein Kurzzeitgedächtnis die Halbwertszeit einer Eintagsfliege hatte. „Huch, habe ich die Rechnung nicht bezahlt? Ganz vergessen!“ Heute ist mein Gehirn so messerscharf und klar, dass mir meine eigenen Fehler sofort auffallen. Ich kann mich nicht mal mehr mit einer „chemisch induzierten temporären Demenz“ herausreden. Konzentration pur. Ein Albtraum für jeden Faultier-Liebhaber.
Auch psychisch ist es kaum auszuhalten. Wo sind meine dramatischen Stimmungsschwankungen hin? Diese epischen, melancholischen Monologe nachts um zwei, bei denen ich die ganze Welt und vor allem mich selbst bemitleidet habe? Stattdessen: Eine beängstigende emotionale Stabilität. Wenn mich heute jemand nervt, atme ich tief durch und bleibe ruhig. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Wo bleibt da das Drama?
Und mein Immunsystem erst. Früher hatte ich das perfekte Abonnement auf den „Männerschnupfen“ – ideal, um sich tagelang im abgedunkelten Zimmer zu verbarrikadieren. Jetzt weigert sich mein Körper beharrlich, bei jedem vorbeifliegenden Hustenkeim sofort zu kapitulieren. Ich bin gezwungen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, weil ich einfach nicht mehr krank werde.
Kommen wir zum optischen Desaster: dem Gewichtsverlust. Mein mühsam finanzierter Bierbauch, der mich jahrelang wie ein schützender Airbag vor der Welt bewahrt hat – einfach weg. Ich passe wieder in Hosen, die ich vor zehn Jahren verflucht habe. Mein Gesicht sieht nicht mehr aus wie ein überreifer Hefekloß, sondern hat plötzlich wieder so etwas wie eine Kinnlinie. Und die Haut? Schuppt nicht mehr, rötet sich nicht mehr. Ich sehe im Spiegel fast aus wie ein vernünftiger Mensch. Widerlich.
Mein Herz schlägt auch nur noch so vor sich hin – im furchtbar langweiligen Sinusrhythmus. Kein plötzliches, spannendes Herzrasen mehr im Supermarkt, bei dem man kurz testet, ob man das nächste Regal noch erlebt. Der Blutdruck ist im tiefsten grünen Bereich. Pure Monotonie.
Das Schlimmste aber ist der Verlust der totalen Unverbindlichkeit. Früher hatte ich die perfekte Entschuldigung für alles: „Tut mir leid, mir ging es gestern nicht so gut…“ (jeder wusste, warum). Heute besitze ich wieder ein Selbstwertgefühl. Ich muss die Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Wenn ich heute Mist baue, war ich das ganz allein – bei vollem Bewusstsein. Kein Promille-Bonus mehr.
Das hat natürlich auch meine Beziehungen völlig vergiftet. Früher war ich der unberechenbare Chaot, über den man herrlich lästern und sich Sorgen machen konnte. Jetzt? Die Leute rufen mich an, weil ich verlässlich bin. Ich muss tatsächlich zu Verabredungen erscheinen – und das auch noch pünktlich! Meine Frau schaut mich nicht mehr mit diesem mitleidig-strengen Blick an, sondern redet ganz normal mit mir. Das nimmt dem Eheleben jegliche literarische Tragik.
Zu allem Überfluss leide ich jetzt unter akutem Zeit- und Geldüberschuss. Wissen Sie eigentlich, wie viel Freizeit man hat, wenn man nicht mehr damit beschäftigt ist, Alkohol zu besorgen, ihn heimlich zu verstecken, ihn zu konsumieren und den Kater zu pflegen? Ich habe plötzlich Stunden über Stunden übrig. Aus purer Verzweiflung habe ich angefangen, Hobbys nachzugehen und Bücher zu lesen. Und mein Bankkonto? Es ist deprimierend voll. Früher wusste ich wenigstens, wo mein Geld bleibt – im Altglascontainer. Heute sammelt es sich einfach an. Kurzum: Das Leben als trockener Alkoholiker ist ein einziges, gesundes, klares und strukturiertes Elend. Aber wissen Sie was? Man gewöhnt sich an diesen Luxus. Und den verflixten Bauch vermisse ich eigentlich auch nicht mehr.