
Die Chronisten des Vergessens – Oder: Die Bundeswehr-Feldjäger im Stuhlkreis
Es war Freitag, kurz nach der morgendlichen Ausgabe des lauwarmen Kamillentees. Im Therapieraum herrschte bereits die übliche, deprimierende Gruppendynamik. Zwölf Stühle standen im perfekten Kreis ein logistischer Albtraum für jeden, der krampfhaft versuchte, Augenkontakt strategisch zu vermeiden. Das Thema des Tages wurde von der Therapeuten-Seite mit der feinfühligen Eleganz einer Abrissbirne serviert und lautete: Gedächtnislücken.
Ich saß dort, den Rücken kerzengerade, das unsichtbare Diplom-Kaufmann-Schild schützend vor der Brust. Mir ging es natürlich hervorragend. Mein körpereigener Aggregatzustand war dank des erzwungenen Riesling-Entzugs zwar erschreckend nüchtern, aber meine intellektuelle Arroganz lief auf Hochtouren. Ich war schließlich nicht wie die anderen hier. Ich hatte keinen banalen „Filmriss“. Wenn meine Synapsen die Arbeit verweigerten, dann war das ein hochkomplexer, logistischer Totalschaden im zentralen Nervensystem. Ein geordneter System-Shutdown, mehr nicht.
Der Therapeut, ein Mann mit einem sozialpädagogischen Prüfblick, der mir irgendwie verdammt bekannt vorkam sah schweigend in die Runde. „Wer möchte anfangen? Wie fühlt es sich an, wenn die Erinnerung fehlt?“
Uwe, ein gelernter Schlosser zu meiner Linken, starrte betreten auf seine Hausschuhe. „Ja… ich weiß oft einfach nicht mehr, wo mein Mantel geblieben ist. Oder wie ich überhaupt nach Hause gekommen bin.“
Ich spürte, wie der Stratege in mir sofort das Wort ergreifen musste. Man konnte dieses hochwissenschaftliche Phänomen einer akuten, schweren Gehirnvergiftung doch nicht auf das Niveau eines verlorenen Kleidungsstücks herunterbrechen! Ich holte tief Luft, setzte mein charmantestes, giftigstes Lächeln auf und räusperte mich vernehmlich.
„Wissen Sie“, begann ich, die Stimme vornehm gesenkt, während ich mit der Hand gestikulierte, als würde ich einen unsichtbaren Riesling-Kelch schwenken, „das Problem ist doch kein banaler Gedächtnisverlust. Es ist eine chronologische Desorientierung. Als Meister der Logistik kann ich Ihnen sagen: Das Altarchiv bleibt völlig intakt. Aber das Kurzzeitgedächtnis kapituliert. Wir verlegen nicht den Mantel wir verlegen das zeitliche Fundament unserer Existenz. Das ist eine faszinierende Schutzfunktion der Psyche, um die eigene Fassade aufrechtzuerhalten!“
Der Therapeut machte sich eine Notiz. Bei Therapeuten ist das bekanntlich das Äquivalent zum Entsichern einer Waffe. „Interessant, Joachim. Und wie äußert sich diese 'Schutzfunktion' bei Ihnen konkret im Alltag?“
„Nun“, dozierte ich bereitwillig weiter, völlig berauscht von meiner eigenen Rhetorik, „man greift im Überlebensmodus einfach auf bewährte, unzerstörbare Datenbestände zurück. Auf die ganz großen Meilensteine. Zum Beispiel meine Dienstzeit bei der Bundeswehr. Ich erinnere mich mit absoluter Präzision an den Tag, als ich bei einer Übung der Feldjäger im tiefsten nordhessischen Dickicht…“
Ein leises, kollektives Seufzen ging durch den Raum.
Uwe sah auf und blickte mich matt an. „Joachim“, sagte er kopfschüttelnd. „Die Geschichte mit den Feldjägern hast du uns heute Morgen beim Frühstück schon erzählt. Und gestern Abend beim Abendbrot. Und dreimal beim Tischtennis am Sonntag.“
Ich stockte. Mein rhetorisches Handwerkszeug verhedderte sich augenblicklich in den eigenen Speichen. Ich sah hilfesuchend in die Runde. Sabine von gegenüber nickte mir mitleidig zu. „Ja, Joachim. Und dass die Weltwirtschaft am Abgrund steht, du aber das Epizentrum der Krise in einem 0,2-Liter-Kelch gelöst hast, wissen wir auch schon. Du erzählst das jeden Tag. Exakt mit denselben Worten.“
Da saß ich nun. Der große Analytiker. Der Meister der strukturierten Argumentation. Knallhart überführt von einer Handvoll Alkoholiker im Schlabberlook.
In diesem Moment traf mich die bitterste Erkenntnis meines Aufenthalts wie ein nasser Waschlappen: Ich war kein missverstandener Staatsmann auf Bildungsurlaub. Ich war eine hängende Schallplatte. Mein Gehirn hatte im Sumpf der Sucht die Nadel in die immer gleiche Rille gesetzt, und ich hatte in meiner monumentalen, feigen Lebenslüge geglaubt, ich würde hier ein exklusives Solokonzert geben. Während mein Umfeld und jetzt dieser Stuhlkreis – längst das traurige, hohle Blechblasen einer kaputten Jukebox ertragen musste.
Ich schluckte die rechtschaffene Empörung runter, die schon wieder in mir hochsteigen wollte. Keine Schuldumkehr mehr. Kein juristisches Fundament, auf das ich mich flüchten konnte.
„Tja“, sagte ich leise. Mein Lächeln verlor schlagartig jede Giftigkeit, während ich langsam die Arme sinken ließ. „Da hat mein logistisches Kontrollzentrum wohl ein massives Datenleck. Wer ist eigentlich schuld an der ständigen Wiederholung? Die toxischen Umweltbedingungen im Therapieraum?“
Der ganze Kreis lachte kurz auf. Sogar der Therapeut lächelte milde und strich etwas auf seinem Block durch.
Es tat verdammt weh, die leeren Regale im eigenen Kopf so ungeschminkt präsentiert zu bekommen. Aber als ich an diesem Abend in meinem Zimmer saß und aus dem Fenster in das deprimierende Grau blickte, wusste ich: Es war der erste Tag, an dem ich nicht vor meinem eigenen Spiegelbild weggelaufen bin. Und das war die beste Meisterleistung, die ich seit Langem erbracht hatte. Ganz ohne Korkenzieher.