
Der Tag, an dem die Masken fielen (Und wir merkten, wie hässlich das darunter eigentlich war)
Es passierte in der Entzugsklinik – dieser Oase der Glückseligkeit, an der sich die Elite der wandelnden Schnapsleichen traf, um gemeinsam dem Endgegner „Sucht“ die Stirn zu bieten. Bernd war zu diesem Zeitpunkt schon zwei Wochen länger im Club der anonymen Zitterer als ich. Ein gestandener Mann, großer Bauunternehmer aus dem Süden, Typ „Ich betoniere meine Probleme einfach ein“. Immer gut drauf, scheinbar unerschütterlich. Kurz: Die perfekte, wandelnde Lüge.
Doch an diesem einen Tag bröckelte der Beton. Er kam zu mir rübergeschlichen und hauchte den folgenschweren Satz: „Hey… lass uns doch mal reden.“
Als ich in sein Gesicht sah, kriegte ich fast einen Herzinfarkt. Die mühsam hochgezogene Fassade des erfolgreichen Machers war weg. Was übrig blieb, war die nackte, ungeschönte und verdammt unvorteilhafte Realität unseres gemeinsamen Elends. Zwei Häufchen Elend im Scheinwerferlicht der Entgiftung. Und dann passierte das für mich damals völlig Unfassbare: Anstatt den Rückwärtsgang einzulegen, mich in mein Zimmer einzuschließen und die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, sagte ich tatsächlich: „Na klar, komm, lass uns quatschen.“
Für meine Verhältnisse war das ein evolutionärer Quantensprung, der grenzwertig psychopathische Züge hatte. Denn machen wir uns nichts vor: Wir beide wussten ganz genau, dass wir jetzt nicht über das Wetter, die lahmende Wirtschaft, die genervte Ehefrau oder die Kinder, philosophieren würden. Es ging um den alles beherrschenden König unseres Lebens: den Alkohol.
Bernd nahm mich – metaphorisch gesprochen, denn Händchenhalten war dann doch nicht im Therapieplan enthalten – an die Hand und führte mich in die bürokratischen Geheimnisse dieser neuen, nüchternen Welt ein. Er fragte mich nach den wirklich lebenswichtigen Dingen des Überlebens im Sanatorium: Ob ich schon in der Verwaltung angetrabt sei oder ob ich meine Arbeitskarte für die Beschäftigungstherapie abgeholt hätte.
Und dann lachten wir. Wir lachten über unsere eigenen, grandiosen Schwächen und den absoluten Irrsinn des therapeutischen Alltags. Wer hätte gedacht, dass zwei gestandene Männer mal über die tiefere philosophische Bedeutung von Specksteinschnitzen oder Aquarellmalen debattieren würden? Ich weiß noch genau, wie ich auf mein jämmerliches Kunstwerk starrte und dachte: Wenn ich dieses Bild jemals irgendwem zeige, muss ich eine schriftliche Bedienungsanleitung erstellen, damit man den Haufen Elend überhaupt von einer Blumenvase unterscheiden kann. Talent? Absolut Fehlanzeige. Aber immerhin waren wir nüchtern kreativ.
Aus diesem ersten, fast schon erschreckend ehrlichen Austausch entwickelte sich über die Wochen eine tiefe Vertrautheit. Wir teilten unsere kläglichen Erfahrungen, unsere nackte Angst vor dem Alltag da draußen und die utopischen Pläne für das Leben nach dem Delirium.
Das befreiende Fundament (Oder: Wie man ohne Promille überlebt)
Dieses Gespräch war ein echter Meilenstein in meiner persönlichen Chaos-Chronik. Es war das erste Mal seit gefühlten Jahrhunderten, dass ich eine Unterhaltung erlebte, die: Absolut offen und ohne die übliche Maskerade war. Keine Ausflüchte, kein „Ich trinke ja nur Bier“, völlig ohne das gewohnte Schamgefühl stattfand. Der ganze mühsam aufgebaute Selbstschutz und die chronischen Schuldgefühle, die ich jahrelang wie einen Heiligenschein vor mir hergetragen hatte, waren plötzlich so nützlich wie ein Kropf, und auf Augenhöhe passierte. Zwei Wracks auf demselben Abschleppwagen, getragen von der Erkenntnis: Der andere ist genauso tief im Sumpf stecken geblieben wie man selbst.
Es war das erste Mal, dass in meinem vernebelten Hirn die Erkenntnis zündete: Ich bin tatsächlich nicht der einzige Idiot auf dieser Welt, der seine Probleme in Hochprozentigem ertränkt hat.
Und dieses Fundament hält. Aus den beiden jämmerlichen Gestalten, die sich damals in der Klinik gegenüberwackelten, wurden beste Freunde. Und wir sind es nach all den Jahren und Jahrzehnten immer noch – ganz ohne Restalkohol, dafür mit einer gesunden Dosis Überlebensironie.