
Der Tag, an dem der Turnvater die Kontrolle übernahm
Man sagt ja, eine Entziehungskur sei der Weg zurück ins Leben. Was man mir vorher verschwiegen hatte: Dieser Weg führt offenbar über die biologische Grenze der menschlichen Belastbarkeit hinaus namentlich durch die Hölle der ersten Sportstunde.
Da standen wir nun. Eine Handvoll wandelnder Wracks, deren sportliche Höchstleistung der letzten Jahre darin bestanden hatte, den Kasten Bier die Kellertreppe hochzuwuchten. Auf der anderen Seite: Der Trainer. Ein handverlesenes Prachtexemplar aus dem örtlichen Sportverein. Typ „Lebensfreude durch Laktat“, stramme Waden, Trillerpfeife um den Hals und ein Grinsen, das verriet, dass er noch nie im Leben einen Kater hatte.
Er musterte uns und flötete fröhlich: „So, Männer, wir wärmen uns mal kurz auf!“
Ich weiß nicht, was dieser Mann in seiner Ausbildung unter dem Wort „kurz“ verstanden hat. Vielleicht verwechselte er uns auch mit der olympischen Nationalmannschaft. Nach exakt zehn Minuten strammen Hopserlaufens und Kniebeugen stand für mich jedenfalls fest: Ich brauche kein neues Leben, ich brauche ein Sauerstoffzelt. Sofort. Meine Kondition reichte in diesem Moment gerade noch aus, um im Geiste mein Testament zu schreiben.
Aber das Aufwärmen war leider nur der Aperitif.
„So, jetzt machen wir ein paar Klimmzüge!“, rief der Schleifer gut gelaunt.
Klimmzüge. Hallo?! Ich war an diesem Morgen schon froh gewesen, dass ich die Schwerkraft beim Aufstehen aus dem Bett überwunden hatte! Das war mein persönlicher Klimmzug des Tages. An dieser Stange zu hängen, glich für mich eher einer öffentlichen Hinrichtung als einer sportlichen Betätigung. Während ich wie ein nasser Sack Schunkeleisen an der Stange baumelte und mein Körper verzweifelt nach Erdung suchte, baute der Feldwebel im Hintergrund bereits das nächste Grauen auf: Einen Zirkeltraining-Parcours.
Es war nicht gut. Es war ein architektonisches Meisterwerk der Folter. Medizinbälle, die schwerer waren als meine Zukunftsängste, Matten für Liegestütze (als ob ich jemals wieder hochkommen würde, wenn ich einmal läge) und Seile zum Springen. Es ging einfach immer weiter. Jedes Mal, wenn die Trillerpfeife ertönte, starb ein kleiner Teil meiner verbliebenen Würde.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Uhr behauptete frech, es sei erst eine halbe Stunde vergangen klatschte der Trainer in die Hände. „Super, Jungs! Und zum Abschluss laufen wir jetzt noch ein bisschen aus!“
Dieses „bisschen“ war der endgültige Todesstoß. Ich dachte ernsthaft, der Mann hört überhaupt nicht mehr auf. Er lief und lief, während wir hinterherhechelten wie eine Herde asthmatischer Walrosse. Aber immerhin: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ein Blick in die Runde meiner Leidensgenossen verriet mir, dass ich nicht der Einzige war, der kurz vor dem inneren Organversagen stand. Wir blickten uns an mit den Augen von Männern, die zu viel gesehen hatten. Da war keine Farbe mehr in den Gesichtern, nur noch purer, ungläubiger Entsetzen.
Als dieses Martyrium endlich vorbei war und ich zitternd auf der Bank saß, kam mir eine bittere Erkenntnis: Die Bundesjugendspiele von damals... die würde ich heute so wohl nicht mehr schaffen. Damals gab es eine Ehrenurkunde. Heute wäre ich schon froh über eine Sterbeurkunde mit der Aufschrift: Er hat es wenigstens versucht.