
Der Tag, an dem der Hänger stehen blieb
Man sagt ja immer, LKW-Fahrer hätten Diesel im Blut. Bei mir war es nach ein, zwei Jahren im Fernverkehr eher eine gut brennbare Mischung aus billigem Dosenbier und einer Prise purem Überlebenswillen.
Ich war bundesweit unterwegs für eine große Lebensmittelspedition. Die Ironie des Schicksals muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ich habe tonnenweise frische, gesunde Lebensmittel quer durch die Republik gekarrt, während mein eigener Körper intern längst einer maroden Schnapsbrennerei glich. Mein Promillepegel war stabiler als die deutsche Wirtschaft, und mein treuester Beifahrer saß nicht auf dem Nebensitz, sondern lauerte gut getarnt in der Fahrertür.
Der „helle Moment“ im fahlen Licht der Scheinwerfer
Nach gut zwei Jahren auf Achse kam dann dieser eine Tag. Der Tag, an dem mein Gehirn – wahrscheinlich völlig überrascht von einem seltenen Moment der Nüchternheit beschloss, kurzzeitig wieder den Dienst aufzunehmen.
Ich stand irgendwo auf einem trostlosen Autohof in der Pampa. Es war drei Uhr morgens, der Regen klatschte gegen die Windschutzscheibe meines Mercedes. Ich saß in der Kabine und starrte nach hinten. Ich fuhr keinen Sattelzug, sondern einen klassischen Gliederzug Zugmaschine vorne, Anhänger hinten. Ich blickte also im Rückspiegel direkt auf meinen Hänger. Und während ich diesen Hänger fixierte, merkte ich, dass der eigentliche Hänger gerade ganz woanders saß: nämlich in meinem Kopf.
Meine Hände zitterten am Lenkrad des Benz. Nicht wie bei einem aufgeregten Teenager vor dem ersten Date, sondern eher wie ein Presslufthammer auf Stufe drei. Mein erster Gedanke war: „Mist, der Motor läuft ja gar nicht, das bin ich.“
Da saß ich: Ein wandelnder Flachmann, der gerade ernsthaft darüber nachdachte, ob der Schluck aus der Pulle jetzt reicht, um die Spur auf der A7 zu halten. In diesem Moment traf mich die Erkenntnis wie eine Vollbremsung bei Tempo 90! Das geht nicht mehr.
Und da war sie plötzlich die nackte, eiskalte Angst. Es ging mir in diesem hellen Moment gar nicht primär darum, dass ich die Ladung oder den Mercedes in die Leitplanke setze. Blech kann man ersetzen. Worauf ich starrte, war das ungebremste Grauen, mit diesem tonnenschweren Geschoss unschuldige Menschen zu töten. Die Vorstellung, dass eine Familie im Kleinwagen vor mir bremst und ich mit meinem Alkoholpegel die Reaktion einer Wanderdüne zeige dieser Gedanke fraß mich bei lebendigem Leib auf. Der Alkohol hatte das Steuer übernommen, und ich war eine tickende Zeitbombe auf der Autobahn.
Der direkte Cut: Kurswechsel ohne Umwege
Das war er also. Mein „heller Moment“. Das Ende der Fahnenstange nach zwei Jahren Fernverkehr. Wer jetzt allerdings die große, dramatische Filmbiografie mit Entzugsklinik, Gruppentherapie und tränenreichen Geständnissen im Stuhlkreis erwartet, den muss ich enttäuschen. Dafür war und bin ich viel zu pragmatisch.
Es gab kein großes Jammern, keine wochenlange Reha, um das Zittern therapeutisch wegzustreicheln. Stattdessen gab es einen harten, sauberen Schnitt: Schlüssel abgegeben, den Mercedes samt Anhänger dauerhaft stehen lassen und direkt rein in die Umschulung zum Speditionskaufmann. Wenn man merkt, dass man als Kapitän der Landstraße kurz davor ist, zur tödlichen Gefahr für andere zu werden, zieht man die Reißleine. Ohne Umwege.
Notiz an mich selbst: Wenn du im Erwachsenenalter noch mal die Schulbank drückst, umgeben von Leuten, die halb so alt sind wie du, lernt man echte Demut. Oder zumindest tiefen, inneren Zynismus.
Heute fahre ich keine Lebensmittel mehr durch die Gegend. Mein Radius ist deutlich kleiner geworden, und mein Blutwert würde selbst jedem strengen Polizeihund ein enttäuschtes Winseln abringen. Manchmal vermisse ich den Blick auf die Straße. Aber dann denke ich an den Moment auf dem Autohof zurück, blicke im Geiste noch einmal auf den Anhänger im Rückspiegel und bin verdammt froh, dass ich damals den Rückwärtsgang eingelegt habe, bevor Schlimmeres passiert ist.