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Der König verlässt den Thron – und zieht in den Stuhlkreis

Der Abend vor dem Einzug in die Entzugsklinik folgte einer perfiden, beinahe rituellen Logik. Ich goss mich voll. Ohne Ende, getrunken bis zum Abwinken, bis die Sinne streikten. Warum? Weil in meinem Kopf dieses bleierne Gefühl saß: Das ist das letzte Mal. Es war keine Vorfreude auf die Rettung, es war nackte, panische Angst vor dem Abschied von meinem treuesten Tröster. Ich wollte dem Gift ein letztes Mal tief in die Augen schauen, bevor man mir den Stecker zog. Dass ich mich damit eigentlich nur noch einmal selbst betäuben wollte, um der Realität des nächsten Morgens zu entkommen – das war die erste große Lüge, die ich mir selbst an diesem Abend glaubte.

Am nächsten Tag schlug ich in der Klinik auf. Die Fahne im Gepäck, das Ego im Anschlag. Ich war fest entschlossen, die Rolle des souveränen Machers zu spielen, der das alles hier im Griff hat. Dem Klinikdirektor drückte ich zur Begrüßung gleich einen Spruch aus der obersten Schublade der Selbsttäuschung an die Backe. Ich erklärte ihm im Tonfall eines vielbeschäftigten Managers, dass ich eigentlich nur Stress und ein bisschen Ärger mit der Familie hätte. Ich sei völlig überarbeitet, erhole mich jetzt hier ein paar Tage, während sie ihren medizinischen Job machten, und dann sähe man einfach weiter.

Ein grandioser Auftritt. Der Direktor reagierte mit der professionellen Gelassenheit eines Mannes, der diesen Mist dreimal am Tag hört. Er nickte nur wissend, schmunzelte milde und reichte mich direkt an die Schwester zur Blutentnahme weiter. Geile Sache. Der Vorhang war noch nicht richtig offen, da war die Show eigentlich schon vorbei.

Danach durfte ich mein Zimmer beziehen. Die Broschüre hatte von „luxuriöser Ausstattung“ geschwärmt. Ich schaute mich um und fühlte mich schlagartig in meine Bundeswehrzeit zurückversetzt. Der Charme von Funktionalität und Linoleum. Der einzige spürbare Luxus im Vergleich zu damals war, dass ich diesmal ein Einzelzimmer hatte.

Der erste richtige Tiefschlag folgte beim Abendbrot. Der Speisesaal wirkte auf mich wie eine Arena der Schande. Ich suchte mir irgendeinen freien Platz, setzte mich hin und wollte am liebsten im Boden versinken. Jede Faser meines Körpers schrie: Flucht! Ich war felsenfest davon überzeugt, dass mich alle anstarrten. In meinem Kopf hämmerte es: Guck mal, der Neue, wieder so ein Trinker. Es war das typische, paranoide Denken des frischen Entzügisters, dessen Schutzmauern gerade Risse bekommen.

Am nächsten Morgen ging das Schauspiel in die zweite Runde. Beim Gespräch mit dem Psychologen gab ich mich extrem gesprächig – Reden als Ablenkungsmanöver. Ich erklärte ihm mit absolut seriöser Miene, dass das mit den Werten schon stimmen werde, aber die Sache bei mir relativ klar sei. Es sei der Druck. Keine Zeit, Stress, der Ärger zu Hause. Ich bräuchte den Alkohol eigentlich nur, um ein bisschen runterzukommen, wenn ich Musik mache – mehr sei das nicht. Ich hörte mir selbst beim Lügen zu und glaubte der Geschichte fast wieder selbst. Der Psychologe schmunzelte nur. Ein langer, zäher Dialog gegen die eigene Einsicht.

Und dann kam der Moment, vor dem sich jeder verkappte Egozentriker in der Klink fürchtet: der erste sogenannte Stuhlkreis. Mensch, habe ich mich beschissen gefühlt. Ich saß da, die Arme verschränkt, die innere Nase arrogant nach oben gerichtet. Doch was ich dann erlebte, hat mein Fundament erschüttert. Diese Menschen – diese „Mitalkoholiker“ – saßen da und redeten. Sie redeten offen, ohne Maske, ohne das verdammt anstrengende Theater, das ich seit Jahren aufführte. Und während ich ihnen zuhörte, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Ich bin einer von ihnen. Ich bin kein Außenseiter, der über den Dingen steht. Uns eint genau dieselbe Schande, dieselbe Sucht, dieselbe Not.

Als ich an der Reihe war, mich vorzustellen, versuchte ich natürlich reflexartig, wieder meine weichgespülte Manager-Story von der Überarbeitung zu verkaufen. Ich wollte mir meine kleine, feine Nische der Exklusivität bewahren. Doch in dieser Runde saßen keine Anfänger. Die waren alle schon länger da. Sie blickten mir direkt in die Augen – Augen, die jede Ausrede schon tausendmal selbst benutzt hatten.

Sie ließen mich nicht mal ausreden. Sie fragten mich knallhart, mitten im Satz auf den Kopf zu, ob das wirklich so sei oder ob ich ihnen hier gerade Märchen erzähle. Sie sagten mir ins Gesicht: „Glaub mir, Kollege: Alles, was du da gerade abziehst, kennen wir in- und auswendig.“

In diesem Moment zersplitterte das Gespielte. Übrig blieb nur noch die nackte, ungeschönte Wahrheit. Ich war angekommen.

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