Blog

Der König der Excel-Tabellen und des kalten Entzugs (um 17:01 Uhr)

Wenn man in einer Führungsposition ist, lernt man vor allem eines: Delegieren und Optimieren. Und ich war der absolute Großmeister der logistischen Perfektion. Mein am besten optimierter Prozess? Das präzise Timing zwischen dem letzten Meeting um 16:30 Uhr und dem ersten, erlösenden Zischen einer Bierdose um Punkt 17:01 Uhr. Man will ja kein Klischee bedienen. Alkoholiker trinken schließlich morgens. Ich nicht. Ich war ein High-Functioning Professional. Das klingt auf LinkedIn einfach viel besser.

Ich hatte alles im Griff. Die KPIs stimmten, die Quartalszahlen waren grün, und mein Team hielt mich für einen empathischen, wenn auch seltsam blassen Chef, der verdächtig oft nach extra-starkem Minzkaugummi roch. Das Erfolgsgeheimnis des modernen Managers: Funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk, innerlich verrostet wie eine alte Gießkanne.

Gelebt habe ich schon lange nicht mehr. Ich wurde gelebt. Und zwar von einem straffen Zeitplan aus Deadlines und Promille-Management. Wenn du im Job Verantwortung für Millionen-Budgets hast, entwickelst du eine fast schon beängstigende Kreativität, um dein kleines, flüssiges Geheimnis zu schützen.

Da war zum Beispiel der „Zahnarzt“-Trick: Warum ich freitags ab 14 Uhr nie erreichbar war? Dringende Wurzelbehandlung. Wöchentlich. Mein Team muss gedacht haben, ich habe ein Haifischgebiss, das ständig runderneuert werden muss. Oder die Altglas-Logistik: Ein echter Manager wirft seine leeren Flaschen nicht einfach in die Tonne vor dem Haus. Viel zu hohes Risiko für das Image beim Nachbarschafts-Smalltalk. Nein, das wurde strategisch auf drei verschiedene Container im Umkreis von fünf Kilometern verteilt. Projektmanagement par excellence.

Ich war ein Geist im Maßanzug. Ich habe Meetings geleitet, strategische Entscheidungen getroffen und Keynotes gehalten aber ich war nicht da. Ich war der Regisseur eines Films, den ich mir selbst nicht mehr anschauen wollte. Ich habe nicht mehr gefühlt, wie der Kaffee morgens schmeckt (er schmeckte nach Asche und Angst vor dem Zittern), und ich habe nicht mehr gehört, was die Menschen mir abseits des Protokolls erzählten. Ich war eine perfekt programmierte Maschine, die mit Alkohol betankt werden musste, um nicht zu blockieren.

Der Wendepunkt kam nicht mit einem filmreifen Knalleffekt. Es gab keine dramatische Kündigung im Chorniveau. Es war ein ganz normaler Dienstag. Ich saß in einem dieser endlosen Strategiemeetings, in denen das Wort „Synergieeffekte“ ungefähr achtzigmal fiel. Ich sah mich auf dem Bildschirm der Videokonferenz an. Mein Gesicht sah aus wie eine schlecht gelaunte Kartoffel, die zu lange im Keller gelegen hatte. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein schlecht gelaunter Controlling-Bericht: Ich bin der CEO meines eigenen Untergangs. Ich managte ein Unternehmen, aber mein eigenes Leben war kurz vor dem Bankrott.

In diesem Moment, zwischen einer PowerPoint-Folie über „skalierbare Wachstumsprozesse“ und dem dringenden Bedürnis nach einem Schluck „Beruhigung“, wurde mir klar: Ich funktioniere fantastisch. Aber ein Toaster funktioniert auch. Und der hat definitiv mehr Lebensfreude als ich.

Der Ausstieg aus dem Karussell war kein Spaziergang. Es war eher so, als würde man versuchen, ein brennendes Einhorn zu reiten, während man gleichzeitig versucht, die Steuererklärung zu machen. Ohne den Alkohol war da plötzlich... die Realität. Und Gott, die Realität ist manchmal verdammt laut, ungefiltert und schrecklich unstrukturiert. Keine Filter, keine Excel-Tabelle, die das Gefühlschaos glättet. Aber weißt du was? Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich wieder atmen konnte.

Heute leite ich vielleicht keine Abteilungen mehr mit hundert Mitarbeitern. Mein wichtigstes Projekt bin jetzt ich selbst. Und die Bilanz sieht gar nicht so schlecht aus. Wenn meine Hände heute zittern, dann höchstens, weil ich zu viel echten, guten Kaffee getrunken habe oder vor Lachen. Ich habe meinen Posten als „König des Schein-Erfolgs“ gekündigt. Und der neue Job als „Mensch, der einfach da ist“ hat zwar weniger Boni, aber die Work-Life-Balance ist unschlagbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Bei der Übermittlung Ihrer Nachricht ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Sicherheitsüberprüfung

Ungültiger Captcha-Code. Versuchen Sie es erneut.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.