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Der Kirmes-Code: Vom Tresen-Sumpf aufs Tanzparkett

Da war sie also wieder. Die Dorfkirmes. Das jährliche Hochamt der kollektiven Demenz, kurz nach meinem Klinikaufenthalt. Ich betrat das Zelt, und es war, als hätte jemand die Pausetaste des Vorjahres gedrückt und jetzt einfach wieder auf „Play“ gehauen. Alle waren da. Wirklich alle. Die Kulisse stand, die Stimmung war bereits auf Betriebstemperatur.

Mein erster Gang führte mich zum Bonverkauf. Früher hatte ich die Dinger kistenweise im Voraus gekauft bloß keine wertvolle Zeit an der Schlange verlieren, wenn der Pegel drohte, um Millimeter zu sinken. Diesmal kaufte ich ein paar Karten. Eine überschaubare Anzahl. Für Getränke, die den Verstand nicht vernebeln. Ein seltsames, fast erhabenes Gefühl.

Ich steuerte den ersten Tisch an. Das große Hallo ging los. „Mensch, wie geht’s dir?“ „Alles klar bei dir?“ Bla, bla, bla. Ob es sie wirklich interessierte oder ob es nur die übliche soziale Pflichtlektüre war, weiß ich nicht. Aber hey, es war nett von ihnen. Sie wussten, wo ich herkam, und sie fragten nach. Das musste ich ihnen lassen.

Doch eine Kirmes folgt unerbittlichen, fast biologischen Gesetzen. Je später der Abend, desto klarer die Segregation: Vorne am Tresen versammelte sich die Männergemeinschaft wie die Paviane am Wasserloch. An den Tischen im Hintergrund saßen die Frauen. Ein völlig natürliches Biotop.

Natürlich stand ich anfangs mittendrin im inneren Kreis der Tresen-Elite. Meine früheren Kollegen. Und dann rollte sie an: die unaufhaltsame Lawine aus Runden und „Metern“. Bierkrüge wanderten im Akkord über das Holz. Und je mehr von diesem „wunderschönen Zeug“ floss, desto mehr veränderte sich die Frequenz im Raum. Die Lautstärke drehte sich hoch, die Artikulation bog spürbar ab in Richtung Lall-Modus.

Ich stand da, blickte in die Runde und spürte eine tiefe, fast beruhigende Gewissheit: Das brauchst du nicht mehr. Nicht in dieser Art und Weise. Die Geschichten, die da gerade mit schwerer Zunge als weltbewegende Neuigkeiten verkauft wurden, kannte ich in und auswendig. Ich hatte sie die letzten zwanzig Jahre selbst erzählt. Sie wurden vom Herumstehen und Wiederholen nicht besser.

Ich verabschiedete mich kurz und knackig. Drehte mich um und ging dorthin, wo noch niemand einen Mann vermutet hatte, der gerade die Tresen-Kurve gekratzt hatte: direkt an den Frauentisch. Ich kam mir vor wie Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise.

Die Blicke waren unbezahlbar. Sie starrten mich an, als wäre ich gerade aus einer fliegenden Untertasse gestiegen. Ein Mann? Freiwillig? Hier? Um diese Uhrzeit? Ohne dass er zum Tragen eines Tabletts genötigt wurde?

„Was machst du denn hier?“, fragte eine sichtlich irritierte Dame. Ich grinste. „Was soll ich denn da vorne? Das habe ich hinter mir. Die Geschichten, die die da drüben gerade durchkauen, kenne ich seit zwanzig Jahren auswendig. Es sind immer dieselben.“

Das Eis war nicht nur gebrochen, es war geschmolzen. Und dann kam der Moment, der den Abend komplett drehen sollte. Eine der Damen erbarmte sich meiner Einsamkeit oder forderte mich einfach heraus: „Wollen wir mal tanzen?“

Ich zögerte keine Sekunde. „Na ja, klar!“ Nun muss man wissen: Ich kann nicht schlecht tanzen. Ganz im Gegenteil. Ich kann es verdammt gut. Und wenn man als einziger nüchterner, tanzwilliger Mann an einem Tisch voller Frauen landet, die darauf warten, dass ihre besseren Hälften sich vom Tresen loseisen (was erfahrungsgemäß nie vor drei Uhr morgens passiert), dann hat man plötzlich einen Fulltime-Job.

Es wurde sensationell. Ich habe sie alle über die Tanzfläche geschuppert. Eine nach der anderen. Taktgefühl schlägt eben doch Promille.

Der einzige Haken an der Sache? Der nächste Morgen. Ich erwachte nicht mit dem vertrauten, hämmernden Kater im Schädel, sondern mit einem ganz anderen, völlig neuen Phänomen: einem monumentalen Muskelkater in den Beinen. Jede einzelne von ihnen hatte ihren Tribut gefordert.

Aber das war es wert. Es war der beste Muskelkater meines Lebens.

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