
Der Held vom Erdbeerfeld trinkt jetzt Apfelschorle.
Das Messer klapperte leise auf dem Teller. Die Vorspeise war erfolgreich vernichtet, die Gläser neu befüllt – bei mir natürlich mit der glanzvollen, hochspannenden Wahl einer Apfelschorle. Eigentlich war der Plan für diesen Restaurantbesuch denkbar unspektakulär: Wir wollten schlicht und ergreifend die Logistik der kindlichen Fahrtdienste organisieren. Eine meisterhafte logistische Großtat zwischen Fußballplatz und Eltern-Taxis.
Aber wie das ebenso ist, wenn man meint, die Kontrolle zu haben: Gespräche nehmen manchmal spontane Ausfahrten, auf die einen kein Navi der Welt vorbereitet.
Ich schaute kurz auf mein spritziges Edelgetränk und dann zu ihr hinüber. Während wir da so vorbildlich und tiefenentspannt saßen und planten, wer die Kids am Wochenende zum Sport kutschierte, meldete sich mein Gehirn mit einem unpassenden Rückblick. Ich musste daran denken, für was ein verdammt schlaues Kerlchen ich mich zwei Jahren nach dem Klinikaufenthalt hielt. Für mich war die Sache damals klar wie Kloßbrühe: Messe gelesen, Problem gelöst. Applaus bitte, der Vorzeige-Mann trinkt nicht mehr! Wie sensationell naiv man mit Mitte vierzig noch sein konnte, wurde mir natürlich erst Jahre später dämmerungsartig bewusst.
Sie schmunzelte leicht und gönnte sich erst einmal einen entspannten Schluck Wein. Mit treffsicherer Präzision servierte sie mir die Erinnerung daran, dass ich mich damals wirklich für den strahlenden Helden vom Erdbeerfeld hielt. Nüchtern geworden, ergo: Alle Altlasten lösen sich spontan in Wohlgefallen auf. Dass sie jahrelang emotional komplett mitgetrunken hatte ohne auch nur ein einziges Mal am Glas zu nippen, hatte mein hochgeschätztes Ego überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt.
Null. Absolut gar nichts. Erst als wir uns viel später einmal ungeschminkt darüber unterhielten, fiel bei mir der sprichwörtliche Groschen. Sie war im Grunde die unfreiwillige Regisseurin meines ganz persönlichen Chaos-Theaters gewesen. Während ich naiv glaubte, die Kinder vollkommen aus der Sache herauszuhalten, hielt sie im Hintergrund das gesamte Ensemble und die Kulissen am Laufen.
Was hätte sie auch Großartiges tun sollen? Sie erfand beim Chef die spektakulärsten Ausreden für mich, hielt mir den Rücken frei, veranstaltete Schnitzeljagden nach versteckten Flaschen und wahrte nach außen hin stoisch die perfekte Vorzeige-Familie. Man funktionierte eben. Das ganze Drama geschah aus Liebe, aber während sie verzweifelt versuchte, mein leckgeschlagenes Schiff irgendwie zu flicken, ging sie selbst sang- und klanglos über Bord.
Ich hatte das in meiner damaligen Wahrnehmungstrance natürlich nicht einmal im Ansatz mitbekommen. Aber rückblickend war genau das die wichtigste Erkenntnis meiner späten Erleuchtung diese geballte Ladung Wahrheit, die sie mir damals vollkommen zu Recht um die Ohren haute: Sie hatte meine Sucht weder verursacht, noch konnte sie sie kontrollieren, und erst recht konnte sie sie verdammt noch mal nicht heilen.
Ihr Blick wurde etwas ruhiger, als sie in ihr Glas schaute. Auch bei ihr hatte es wohl Jahre gedauert, bis diese Erkenntnis im Kopf angekommen war. Sie hatte wirklich geglaubt, wenn sie sich nur doll genug anstrenge, den Haushalt schmeiße und die Kinder abschirme, würde der Mann schon aufhören. Bis auch sie kapieren musste, dass sie eine Lokomotive im Vollgasbetrieb schlecht mit bloßen Händen stoppen konnte.
Als sie schließlich anfing, mir meine eigenen Trümmerhaufen nicht mehr hinterherzuteilen und mir die Konsequenzen selbst überließ, war das für mein empfindliches Alkoholiker-Ego verständlicherweise ein gigantischer Schock. Aber rückblickend war genau das der einzige Weckruf, der bei meiner Dickköpfigkeit überhaupt noch anschlagen konnte. Wenn die persönliche Putzkolonne streikt, muss man den eigenen Müll eben selbst wegkehren.
Der härteste Teil für sie war ohne Zweifel gewesen, nicht mehr als kleiner, treuer Planet um meine gigantische Problem-Sonne zu kreisen. Sie musste erst wieder mühsam lernen, keine fruchtlosen Grundsatzdiskussionen mehr zu führen, wenn ich wieder einen Pegel hatte was ungefähr so ergiebig war, wie eine Wand höflich um eine Meinungsänderung zu bitten. Und vor allem musste sie sich irgendwann die existenzielle Frage stellen: Wo blieb sie eigentlich selbst in diesem ganzen Wahnsinn?
Genau das war schließlich der Knackpunkt. Der Weg aus der Misere beginnt eben keineswegs erst dann, wenn der Süchtige einen glamourösen Entschluss fasst, sondern wenn die Angehörige anfängt, wieder ihr eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Grenzen aufstellen, Hilfe suchen und einsehen, dass man nicht die unbezahlte Rettungsgasse für die Katastrophen anderer Leute ist.
In genau diesem tiefgründigen Moment schwebte der Kellner heran, setzte die Teller mit der Hauptspeise ab und wünschte uns mit professioneller Höflichkeit einen guten Appetit. Wir schwiegen uns kurz an, bis die Luft wieder rein war.
Ich brachte nur ein reichlich schiefes Lächeln zustande. Auch wenn unser Beziehungsdrama am Ende folgerichtig zur Trennung geführt hatte dass wir heute dort sitzen konnten, völlig zivilisiert die Kinder-Logistik meisterten und mit ordentlich Abstand und einem fettem Augenzwinkern ehrlich über den alten Schrott reden konnten… das war im Grunde unbezahlbar.
Sie lachte leise und stimmte mir vollkommen zu. Dann meinte sie schmunzelnd, ich solle jetzt gefälligst mein Schnitzel attackieren, bevor wir über der ganzen Psychologie noch vergaßen, wer die Große am Freitag zum Fußballplatz kutschieren musste.
Ich setzte die Gabel an und dachte nur still bei mir, was für eine fantastische Frau ich damals an meiner Seite hatte und wie froh ich bin, dass wir uns heute genau deshalb wieder ohne Scham und voller Respekt in die Augen schauen können.