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Der Guru aus Gang 4: Ein Vierteljahrhundert auf dem Trockenen

„Hör doch einfach auf zu trinken.“

Mensch, danke! Über fünfundzwanzig Jahre ist es jetzt her, dass mir dieser bahnbrechende, medizinisch-philosophische Ratschlag das erste Mal entgegengeschmettert wurde. Ich ärgere mich heute noch schwarz, dass ich mit meinem mickrigen Alkoholiker-Gehirn nicht selbst auf diese geniale mathematische Gleichung gekommen bin. Es ist ja so simpel! Warum hat mir niemand früher gesagt, dass ich die Flasche einfach nicht zum Mund führen muss? Ich Vollidiot habe jahrelang versucht, das Zeug durch die Ohren zu inhalieren oder rektal aufzunehmen. Wenn ich gewusst hätte, dass man einfach nur die Hand unten lassen muss – mein Gott, ich hätte Tausende Euro gespart.

Mein Name ist Joachim Heilmann. Ich bin seit mehr als einem Vierteljahrhundert trocken. Ein stolzes Silberjubiläum der kolossalen Willenskraft – oder zumindest das, was die ahnungslosen „Normalos“ dafür halten. Wenn du mehr als fünfundzwanzig Jahre keinen Schluck mehr angerührt hast, betrachten dich die Leute im Supermarkt an der Kasse manchmal wie eine Art spirituellen Guru, der die Erleuchtung im Vorbeigehen zwischen den Bio-Bananen mitgenommen hat. Sie sehen den weisen, erleuchteten Typen, der klaglos sein stilles Wasser nippt und beim Grillen den treudoofen, freiwilligen Autofahrer mimt. Was sie nicht sehen, ist der – zugegeben nicht mehr tägliche, aber immer noch verdammt anstrengende – Weltkrieg, der sich hinter meiner Stirnplatte abspielt, sobald die Grillkohle glüht.

Besonders faszinierend fand ich schon immer die Fraktion der sogenannten „Genusstrinker“. Das sind diese evolutionären Wunderwerke, die ein Glas Wein bestellen, es zur Hälfte austrinken, den Rest eiskalt stehen lassen (!) und dann sagen: „Ich spüre schon ein leichtes Summen, ich hör lieber auf.“

Wenn ich diese Worte höre, kriegt mein innerer Ex-Junkie Schnappatmung. Er möchte am liebsten laut kreischend über den Tisch springen: „Was stimmt denn mit deiner Festplatte nicht?! Wer lässt denn ein halbes Glas stehen? Da ist noch funktionstüchtiger Alkohol drin! Ex das weg, verdammt noch mal, bevor es verdunstet!“

Für diese Menschen war meine Sucht immer ein unlösbares Rätsel der Logik.

„Joachim, es schadet dir doch. Warum hörst du nicht einfach auf?“

Diese sieben Worte. So leicht dahingesagt wie „Es regnet, nimm einen Regenschirm.“ Süß. Sie hatten ja keine Ahnung. Während sie mich mit mitleidigem Therapeuten-Blick musterten, lief in meinem Kopf ein hochkomplexer, biochemischer Überlebenskampf ab. Für einen echten Alkoholiker ist der Entzug nämlich kein logisches Problem. Es ist, als würde man einem Ertrinkenden drei Meter unter der Wasseroberfläche zurufen: „Hör einfach auf, nach Luft zu schnappen, Kollege! Das Wasser tut deiner Lunge auf Dauer wirklich nicht gut.“ In den Momenten, in denen die Gier kickte, war der Alkohol keine „schlechte Angewohnheit“. Er war Sauerstoff. Er war der einzige Grund, warum die Welt sich nicht in tausend schmerzhafte Scherben zerlegte.

Auch nach mehr als 25 Jahren hat mein innerer Schweinehund übrigens nicht gekündigt. Der Hund kriegt nur inzwischen Altersvorsorge, ist in den Vorruhestand gegangen und meldet sich ab und zu mit genialen, fast schon poetischen Sabotage-Ideen zurück.

Letzte Woche im Supermarkt, Gang 4, direkt vor den edlen Bränden. Mein Blick fällt auf einen sündhaft teuren Single Malt.

Mein Gehirn: „Schau mal, Joachim. Der ist 25 Jahre gereift. Genau so lange, wie du trocken bist! Das ist ein kosmisches Zeichen! Das ist praktisch dein persönliches Jubiläumsgetränk. Nur ein einziges Glas, um auf deine Nüchternheit anzustoßen. Das ist pure, feinsinnige Ironie, das musst du tun!“

Ich: „Netter Versuch, Kumpel. Aber wenn ich das trinke, bin ich morgen tot oder liege im Graben.“

Mein Gehirn: „Aber du würdest mit absolutem Stil im Graben liegen! Und schau dir die Verpackung an, die ist aus echtem Holz! Das macht im Graben richtig was her!“

Es ist ein permanenter Dialog mit einem hochintelligenten Soziopathen, der mietfrei in meinem eigenen Kopf wohnt. Die Leute im Supermarkt sehen mich nur starr auf ein Regal starren und denken wahrscheinlich gerührt: „Ach, der Joachim, der interessiert sich wohl im Alter für schottische Kultur und die Highlands.“ Nein, der Joachim versucht gerade nur mit einem gequälten Schmunzeln seinem inneren Honk zu sagen: „Netter, aber völlig sinnloser Verführungsversuch, du Vollidiot. Geh wieder schlafen.“

Man lernt mit den Jahren, den Sarkasmus als kugelsichere Weste zu nutzen. Wenn mich heute auf einer Party jemand fragt: „Ach, Joachim, trinkst du gar nichts? Nicht mal ein winziges Gläschen Sekt zum Anstoßen? Hab dich nicht so!“, dann aktiviere ich mein bestes, milde lächelndes Buddha-Gesicht.

„Nein danke“, sage ich dann flötend, „wenn ich dieses eine Gläschen trinke, kaufe ich morgen ungefragt deine Einbauküche, versinke übers Wochenende in Privatinsolvenz und wache drei Tage später ohne Hose in einer Ausnüchterungszelle in Bottrop auf. Und ich mag Bottrop nicht besonders. Die Architektur deprimiert mich.“

Dann lachen alle. Schenkelklopfer! Sie denken, es ist ein genialer Witz. Ein herrlich trockener Spruch von Joachim, dem humorvollen Ex-Trinker, der so herrlich übertreiben kann. Dass es die nackte, ungeschminkte, statistisch bewiesene Wahrheit ist – nun, das müssen sie ja nicht wissen. Manche Kämpfe kämpft man eben am besten allein. Und am allerbesten mit einer gehörigen Portion Zynismus im Gepäck.

Auf die nächsten fünfundzwanzig Jahre, meine Damen und Herren! Ich hebe also feierlich mein Glas und stoße voller Elan auf dieses glorreiche Jubiläum an. Und womit? Natürlich mit der absoluten Königsklasse der legalen Rauschmittel: einem exquisiten, stillen Wasser. Und zwar – halten Sie sich fest – stilecht temperiert auf exakt zweiundzwanzig Grad Zimmertemperatur, damit die Geschmacksnerven vor lauter prickelnder Ekstase gar nicht erst in Versuchung geraten. Keine Kohlensäure, kein Eiswürfel, absolut kein Risiko. Man soll das Leben ja schließlich in vollen Zügen genießen – und hey, man gönnt sich ja sonst absolut keinen anderen Luxus! Skoll!

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