
Das Schlachtfeld im Magen – Eine Geschichte von Angst, Sucht und Hühnerbrühe.
Es gibt Momente im Leben, da begreift man die eigene Vergänglichkeit nicht durch philosophische Erkenntnisse, sondern durch die nackte, markerschütternde Realität des eigenen Körpers. Bei mir kündigte sich diese Vergänglichkeit mit einer Welle von Blut an. Ein Magengeschwürdurchbruch. Wer das noch nicht erlebt hat, weiß nicht, wie viel Rot in einen einzigen Menschen passt und wie schnell die panische, eiskalte Angst von einem Besitz ergreift, wenn man spürt, dass das eigene Lebenselixier unaufhaltsam davonrinnt.
Diese dramatische Quittung kam nicht von ungefähr. Das Magengeschwür trat nach sechs bis sieben Jahren meines unerbittlichen Trinkens auf ein bitterer Meilenstein meiner Alkoholsucht. Doch das Erschreckendste war: Selbst nach diesem lebensbedrohlichen Vorfall trank ich weiter. Die Sucht hatte mich so fest im Griff, dass selbst das Blut mich nicht sofort stoppen konnte. Mit weichen Knien, blass wie die Wand und dem nackten Überlebensdrang im Nacken fand ich mich schließlich auf dem Stuhl des Arztes wieder. Die Angst war mein ständiger Begleiter, ein schwerer Stein im ohnehin schon malträtierten Bauch. Und das Highlight stand mir erst noch bevor: die Magenspiegelung. Der Schlauch.
Jeder, der schon einmal dieses Vergnügen hatte, weiß, dass das Wort „Schlucken“ in diesem Kontext ein Euphemismus für reinsten Horror ist. Da lag ich nun, den Mund geöffnet, während dieses schwarze, plastikglänzende Monstrum von einer Kamera auf meine Speiseröhre zusteuerte. Neben mir stand die Arzthelferin. Eine Ausgeburt an stoischer Ruhe, die wahrscheinlich schon tausend panische Patienten vor mir gesehen hatte. Mit einer Engelsgeduld und einer fast schon hypnotischen Monotonie wiederholte sie wie ein kaputtes Tonband ihren Lieblingssatz:
Schön locker bleiben… Atmen Sie tief durch… Einfach ganz locker bleiben…
Locker bleiben?! Ich wollte schreien, aber da war ja dieser Schlauch. Mein gesamter Körper befand sich im biochemischen Ausnahmezustand, jeder Muskel war bis zum Zerreißen gespannt, mein Würgereflex feierte eine Dauerparty, und sie verlangte von mir die Tiefenentspannung eines buddhistischen Mönchs. Ich konnte einfach nicht locker bleiben. Mein Blick flehte sie an: Nehmen Sie dieses Ding aus mir heraus! Aber das Band lief weiter: „Ganz locker bleiben…“
Als die Prozedur endlich vorbei war und ich tränenden Auges den Speichel von meinem Kinn wischte, trat der Arzt an mein Bett. Er schaute auf den Monitor, schüttelte leicht den Kopf und sah mich mit einer Mischung aus medizinischer Faszination und tiefem Mitgefühl an. Seine Diagnose formulierte er in einem Satz, den ich mein Leben nicht vergessen werde:
Wissen Sie, Ihr Magen sieht von innen aus wie ein Handgranatentrichter.
Na, herzlichen Glückwunsch. Kein sanfter Infekt, kein dezentes Zwicken ein veritables Schlachtfeld in meinem Bauch, gezeichnet von den Spuren der Sucht und dem jahrelangen Raubbau. Die Angst, die mich schon die ganze Zeit gelähmt hatte, mutierte in diesem Moment zu einer tiefen, existenziellen Panik. Ein Granatentrichter.
Und als ob das nicht schon genug psychischer Ballast gewesen wäre, folgte der Todesstoß für jegliche Lebensfreude: die radikale Ernährungsumstellung. Mir wurde eine Diät verordnet und eine Liste in die Hand gedrückt, die sich las wie das Gegenteil von allem, was jemals gut geschmeckt hat. Was ich alles nicht mehr essen durfte! Keine Säure, kein Fett, nichts Gewürztes, kein Kaffee im Grunde durfte ich gefühlt nur noch stilles, lauwarmes Wasser und die visuelle Vorstellung von einer ungewürzten Haferflocke zu mir nehmen. Eine Ernährungsumstellung des puren Verzichts, mitten hinein in einen ohnehin geschwächten Körper, der gleichzeitig immer noch gegen das Verlangen ankämpfen musste, weil ich selbst nach all dem immer noch weiter trank.