
Das Prinzip Ursache und Wirkung (Oder: Wie man ein logistisches Meisterwerk einleitet)
Es gibt Tage, da ist der Heimweg nach einem mörderischen Arbeitstag eigentlich nur für zwei Dinge reserviert: Die Vorfreude auf das heimische Sofa oder die exklusive gedankliche Beschäftigung mit ganz bestimmten, weitaus angenehmeren Dingen. Die Frage, was von beiden mich an jenem Abend mehr anzog, war noch nicht ganz ausdiskutiert, als das Schicksal – getarnt als eine ältere Dame in ihrem fahrbaren Untersatz – beschloss, die Debatte final zu beenden.
Rotphase. Ich stehe. Die Ampel auch. Nur die Dame hinter mir hatte offenbar eine andere Auffassung von Bremswegen.
Es war kein filmreifer Crash, eher ein sanftes, fast intimes Ankuppeln von Stoßstange an Stoßstange. Schaden? Kaum der Rede wert. Aber wer die bürokratische Entschlossenheit einer deutschen Seniorin unterschätzt, hat die Rechnung ohne den Rechtsstaat gemacht. „Da müssen wir die Versicherung holen! Und die Polizei!“ Meine inneren Flehrufe („Bitte, gute Frau, fahren Sie einfach weiter, ich schenke Ihnen den Kratzer!“) verhallten ungehört im Abendwind. Sie bestand darauf.
Der Auftritt der Staatsmacht
Die herbeigerufene Streife traf ein. Ein Blick des Beamten in meine Augen reichte offenbar aus, um das Protokoll für „Bagatellschaden“ augenblicklich gegen das Programm „Großes Drogentheater“ auszutauschen.
„Ich glaube, wir sollten mal blasen.“
Ein Satz, der in jedem anderen Kontext und zu einer anderen Uhrzeit durchaus charmantes Potenzial gehabt hätte. Mir schossen spontan mindestens drei hochgradig unpassende, sarkastische Sprüche durch den Kopf. Mein Selbsterhaltungstrieb – der an diesem Abend ohnehin schon auf wackligen Beinen stand – flüsterte mir jedoch gerade noch rechtzeitig zu: Halt einfach den Mund.
Ich blies. Das Gerät gab ein fröhliches Piepsen von sich, das dem Beamten ein triumphales Lächeln ins Gesicht zauberte. „Tja, das reicht nicht für den Feierabend. Ab auf die Wache, wir holen den lieben Onkel Doktor für den Aderlass.“
Die mathematische Meisterleistung
Ich dachte mir noch: Ach du Scheiße, warum muss der jetzt so ein Fass aufmachen? Man hätte sich doch auf einen ganz kleinen, absolut vernachlässigbaren Wert einigen können.
Der Laborwert belehrte mich eines Besseren: 2,37.
Ich muss sagen, im deutschen Notensystem wäre das eine solide Zwei plus gewesen. Für den Bereich der Straßenverkehrsordnung war es allerdings eher die Note „Atemberaubend“. Jedes medizinische Lehrbuch hätte mir an dieser Stelle wahrscheinlich das Koma bescheinigt. Mein Gehirn dagegen schaltete genau in dem Moment, als der Führerschein physisch den Besitzer wechselte, in den absoluten Hochleistungsmodus. Denn mein Gehirn hatte mir bis zu diesem Aufprall an der Ampel felsenfest eingeredet: Du bist nüchtern. Du hast alles im Griff.
Die Logistik des Überlebens
Wo andere in Selbstmitleid zerfließen, begann für den logistisch geschulten Verstand erst der eigentliche Spaß. Die Promille waren noch im Blut, da lief in meinem Kopf bereits das Excel-Sheet heiß:
- Problem A: Wie komme ich morgen um acht Uhr zur Arbeit? -> Gelöst.
- Problem B: Wie organisiere ich die anstehenden Kundenbesuche ohne fahrbaren Untersatz? -> Taktischer Fahrplan steht.
- Problem C: Das allgemeine Fortkommen? -> Logistische Meisterleistung in Rekordzeit durchgeplant.
Es funktionierte alles. Perfekt durchorganisiert, lückenlos getaktet, kein einziger Kunde hat etwas gemerkt. Man kann mir ja vieles vorwerfen – mangelnde Nüchternheit an einer Ampel zum Beispiel –, aber wenn es darum geht, eine mittelschwere Katastrophe in ein perfekt durchgeplantes Meisterwerk der Fortbewegungsorganisation zu verwandeln, macht mir so schnell keiner was vor.
Der Blick im Spiegel (Und die Blicke auf der Wache)
Aus heutiger Sicht, mit dem Abstand und der Klarheit von heute, sehe ich dieses vermeintliche „Meisterwerk“ jedoch ganz anders. Es war schlicht und ergreifend unverantwortlich. brandgefährlich. Und zwar nicht, weil ich mich selbst gefährdet habe – das wäre mein eigenes Problem gewesen –, sondern weil ich rücksichtslos das Leben anderer Menschen aufs Spiel gesetzt habe.
Aber genau das ist der blinde Fleck der Sucht. Als Alkoholiker erkennt man das nicht. Das Gehirn lügt dir die Welt zurecht, bis du deine eigenen Lügen glaubst. Diese bittere Wahrheit begräbt man erst dann unter sich, wenn man den Kampf gegen den Alkohol endgültig aufgenommen hat und die Dinge ungefiltert sehen muss.
Der schmerzhafteste Teil dieser Logistik-Saga fand deshalb auch nicht im Auto oder im Labor statt, sondern im Warteraum der Polizeiwache. Und zwar in dem Moment, als meine Frau mich abholte.
Ich wollte die Augen schließen, mich unsichtbar machen, aber ich sah ihr Gesicht. Ich sah diesen Blick. Sie hatte schon so viel mit mir mitgemacht. So viele Versprechungen, so viele Enttäuschungen, immer wieder diese verdammten Lügen, die man als Abhängiger perfektioniert, um die Fassade aufrechtzuerhalten. Dieser Blick hat sich eingebrannt – tiefer als jeder Promillewert.