
Das goldene Prinzip der flüssigen Nächstenliebe
Manche Menschen definieren sich über ihre glanzvolle Karriere, andere über ihre glückliche Familie. Ich hingegen definierte mich jahrelang über ein einziges, universelles Wort: „Amen.“
Es war mein persönliches Mantra, mein Sesam-öffne-dich zur gesellschaftlichen Akzeptanz und was weitaus wichtiger war der direkteste Weg zum nächsten gefüllten Glas. Wenn man im Viertel erst einmal den Stempel des „nassen Alkoholikers“ aufgedrückt bekommen hat, bleiben einem im Grunde nur zwei Optionen. Entweder man verkriecht sich schambewusst im dunkelsten Keller, oder man schlüpft in die Rolle des barmherzigen Samariters der Nachbarschaft. Ein Helfer, gegen den niemand etwas sagen kann, weil er einfach viel zu praktisch ist.
Ich entschied mich für Letzteres. Es war eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, verpackt in eine dicke Schicht aus Schweiß, Kleister und reinem Pragmatismus.
Der Pakt der stillschweigenden Toleranz.
Mein Terminkalender war zeitweise voller als der eines DAX-Vorstands, nur dass meine harte Währung nicht in Euro ausgezahlt wurde, sondern in Flaschenbier und hochprozentigen Aufmerksamkeiten.
Es war ein ständiges Theaterstück zwischen meinen Gedanken und meinen Lippen. Wenn die Nachbarn riefen, funktionierte ich wie auf Knopfdruck:
Du, Joachim, wir müssten am Samstag umziehen. Vierter Stock, kein Aufzug...Mein Gehirn schrie sofort: „Schmerz. Qual. Bandscheibenvorfall.“ Doch mein Mund sagte lächelnd: Amen. Ich bin um sieben da.“
Oder wenn es hieß: Joachim, die Raufaser im Flur müsste dringend tapeziert werden... Während mein Gehirn panisch kapitulierte, weil ich vor Entzugszittern kaum die Schere halten konnte, antwortete ich gelassen: Amen. Kleister steht schon bereit. Selbst als die Bitte kam, die völlig überwucherte Brombeerhecke mitsamt den tiefen Wurzeln auszugraben, und mein Körper mir signalisierte, dass ich das unmöglich überleben würde, blieb ich meiner Rolle treu: Amen. Ich bringe die Spaten mit.
Der Deal, den wir alle stillschweigend eingingen, war von genialer Schlichtheit. Wenn man fünf Stunden lang eine massive Eichenkommode die Treppe hinaufgewuchtet hat, fragt hinterher niemand mehr, warum das Hemd schon morgens um neun Uhr nach Wacholder riecht. Das ist dann kein billiger Alkoholgeruch, das ist ehrlicher „Arbeitsschweiß“. Und wenn meine Hände beim Anbringen der Deckenlampe leicht zitterten, war das für die Umstehenden keine Entzugserscheinung, sondern schlichtweg die körperliche Erschöpfung vom schweren Tragen.
Die Leute wollten es glauben. Es war der Preis, den sie gerne zahlten, um keine teuren Handwerker rufen zu müssen. Ich war der sympathische, dauerhaft leicht schwankende Schutzpatron der Heimwerker. Solange ich funktionierte, drückte jeder gerne beide Augen fest zu.
Das tapezierte Delirium
Mein absolutes Meisterstück lieferte ich beim Tapezieren bei Familie Schmidt ab. Ich hatte an diesem Morgen bereits einen Pegel intus, der locker für eine Kleinstadt gereicht hätte. Aber für mich galt: Ein Mann, ein Wort. Amen.
Ich kleisterte die Bahnen mit einer rituellen Präzision ein, die fast schon an Zen-Buddhismus grenzte. Dass die Muster der Blumentapete am Ende einen wilden, psychedelischen 3D-Effekt ergaben, weil ich die Bahnen im Rausch leicht versetzt aufgeklebt hatte, tat der Sache keinen Abbruch. Ich verkaufte es einfach als modernen Chic aus der Landeshauptstadt.
Das ist Avantgarde, Frau Schmidt! Das bricht die harte Geometrie des Raumes, erklärte ich mit ernster Miene.
Sie sah mich an, musterte die schiefen Blumen und nickte schließlich ehrfürchtig. Hauptsache, die Arbeit war umsonst und Hauptsache, die Flasche Korn auf dem Küchentisch, die sie mir hingestellt hatte, wurde stetig leerer.
Der Lohn der Mühe
Natürlich tat ich das alles nicht aus purer, selbstloser Nächstenliebe. Ich war kein Altruist, ich war ein verdammt guter Logistiker. Ich wusste ganz genau: Am Ende eines jeden Umzugs, hinter jeder frisch gestrichenen Wand und unter jedem Haufen gejätetem Unkraut wartete der heilige Gral auf mich.
Es war dieser eine, erlösende Moment, in dem der Hausherr mit einem seligen Lächeln den Kühlschrank öffnete und fragte: So, Joachim. Jetzt haben wir uns aber ein Feierabendbier verdient, was? Oder darf es heute vielleicht etwas Härteres sein?
In genau diesem Augenblick fiel die Maske der Erschöpfung von mir ab. Mein innerer Motor, der den ganzen Tag auf Reserve gelaufen war, schnurrte wieder wie eine zufriedene Katze. Ich nahm das Glas entgegen, prostete meinem dankbaren Kunden zu und genoss das herrliche Gefühl, wieder einmal das System gedribbelt zu haben. Sie mochten mich, sie brauchten mich, und das Beste daran: Sie schenkten mir meinen Treibstoff höchstpersönlich ein.
Besser konnte man den Durst nun wirklich nicht tarnen. Es war ein verdammt anstrengendes Leben, aber hey – die Leber wächst ja bekanntlich mit ihren Aufgaben.
In diesem Sinne: Amen.