
Das Flaschen-Monument oder: Wie man sich im Entzug einen Gebrauchtwagen zusammenputscht
Man stellt sich eine Entzugsklinik ja als einen Ort der Einkehr vor. Ein Ort, an dem gequälte Seelen im therapeutischen Stuhlkreis bei Kamillentee und Zwieback über ihre Traumata sprechen, während im Hintergrund leise Entspannungsmusik plätschert. Und dann gibt es die Realität. Eine Realität, die an einem denkwürdigen Abend jegliche psychologische Fachliteratur mit Anlauf aus dem Fenster feuerte und durch reinsten, absurden Slapstick ersetzte.
Es passierte zur besten Sendezeit. Wir, die versammelte Elite der regionalen Promilledichte, wurden mittels einer dringenden Durchsage alle in die große Aula zitiert. Krisensitzung. Als ich den Raum betrat, glaubte ich im ersten Moment, wir hätten spontan die Location gewechselt und stünden mitten in der Sortierhalle eines mittelständischen Recyclingbetriebs. Mitten in der Aula türmte sich ein wahrhaft majestätisches Monument menschlicher Willenskraft auf: Ein gigantischer Berg aus leeren Wodkaflaschen, edlen Whisky-Flaschen, Wein und zerbeulten Bierdosen. Es war ein Altar des Rückfalls, ein glänzendes Mahnmal des Lasters, das im fahlen Licht der Deckenlampen geradezu feierlich funkelte.
Vor diesem gläsernen Gebirge stand der damalige Chefarzt und Klinikleiter. Seine Miene oszillierte irgendwo zwischen biblischem Zorn und tiefer handwerklicher Enttäuschung. Er wartete, bis auch der letzte Patient seinen Platz eingenommen hatte, holte tief Luft und verkündete mit der Ernsthaftigkeit eines Staatsanwalts:
Meine Damen und Herren... Das hier... das alles haben meine Gärtner heute aus den Gebüschen und dem Gestrüpp des Klinikgeländes geholt!
Ich saß da und mein Gehirn fing sofort an, den logistischen und finanziellen Wert dieser botanischen Ausgrabungen zu kalkulieren. Ich schaute auf diesen riesigen Haufen und dachte mir nur: Ich bin hier definitiv am falschen Ort. Oder im falschen Film. Mal ganz ehrlich allein vom Anschaffungspreis dieses epischen Flaschenbergs hätte man sich locker, leicht und ohne zu verhandeln einen soliden, fahrbereiten Gebrauchtwagen kaufen können! Vielleicht sogar einen gut gepflegten VW Golf mit TÜV bis nächstes Jahr. Während wir hier drinnen also im Schweiße unseres Angesichts lernten, wie man ohne Promille den Alltag meistert, hatten ein paar kreative Mitstreiter da draußen im Gebüsch ein florierendes, hochprozentiges Logistikzentrum aufgebaut.
Die Stimmung in der Aula war unbezahlbar. Es war das olympische Finale im kollektiven Unschuldsblick. Jeder guckte jeden an. Blicke wanderten von links nach rechts, von rechts nach links. Die Gesichter waren Masken der reinsten, engelsgleichen Ahnungslosigkeit. Niemand, wirklich absolut niemand, hat auch nur mit einer einzigen Augenwimper gezuckt. Wir saßen da wie eine Schulklasse, in der der Lehrer den Übeltäter sucht, der das Klassenbuch versteckt hat. Totenstille. Nur das leise, metallische Nachklingen einer Dose, die im Haufen minimal verrutschte, unterbrach das Schweigen.
Natürlich mussten es irgendwelche von unseren lieben Mitkämpfern gewesen sein. Irgendwer hatte da draußen im Dickicht eine zweite, geheime Schicht eingelegt und die Hecken der Klinik in eine Dauerkneipe verwandelt. Es war absolut grauenvoll, grauenvoll absurd, grauenvoll peinlich und gleichzeitig so unfassbar komisch, dass man gar nicht wusste, ob man vor Entsetzen weinen oder laut loslachen sollte. Der Entzug schreibt eben doch die besten, wenn auch die am teuersten bar bezahlten Geschichten.