
Das Fisch-Dilemma oder: Zwei Profis auf dem Trockenen
Sechs Jahre. Sechs Jahre war ich nun schon weg von der Straße, weg vom Mercedes-Gliederzug und was deutlich wichtiger war und absolut trocken. Mein neues Leben als Berater lief gut. So gut, dass an einem schönen Freitag ein echter dicker Fisch an der Angel hing: Ein riesiger Logistik-Auftrag. Mein potenzieller Kunde? Nennen wir ihn einfach Herrn Moko. Ein Mann, der im Business das Sagen hatte.
Wie es sich im gehobenen B2B-Geschäft gehört, bittet man vor dem finalen Handschlag zu Tisch. Es war Freitag. Und freitags, das weiß jeder, der traditionelle Werte oder einfach nur den Speiseplan der Betriebskantine schätzt, ist Fischtag.
Wir saßen also in einem wunderschönen Restaurant. Das Ambiente stimmte, die Tischdecke war weißer als meine Weste nach sechs Jahren Abstinenz, und die Bedienung war so aufmerksam, dass sie wahrscheinlich schon am Augenzwinkern erkannte, ob man noch eine Prise Salz brauchte. Wir studierten die Karte, wählten den Fisch und dann schlug die Stunde der Wahrheit. Die Frage aller Fragen im gehobenen Vertrieb.
Das Getränke-Poker
Herr Moko blickte von der Karte auf, sah mich an und fragte in geschäftsmäßigem Ton: Herr Heilmann, was trinken Sie dazu?
In meinem Kopf sprang sofort das altbekannte Notfall-Programm an. Das große Kopfkino für trockene Alkoholiker im Außendienst. Ich ging im Millisekundentakt meine mentalen Textbausteine durch. Wenn er jetzt den edelsten Weißwein bestellt, was sage ich? Wie reagiere ich, ohne die Stimmung zu killen, aber ohne mir einzugestehen, dass der Duft von vergorenen Trauben mich triggert? Ich nahm innerlich schon die professionelle Abwehrhaltung ein, bereit für die üblichen, peinlich berührten Folgefragen.
Herr Moko wandte sich zur Bedienung und bestellte... ein stilles Wasser.
Ich starrte ihn an. Ein stilles Wasser. Zum edlen Freitagsfisch. In meinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus purer Erleichterung und absolutem Amüsement. Ich konnte nicht anders: Ich musste schmunzeln. Ein breites, ertapptes Grinsen glitt mir übers Gesicht und bestellte das gleich außergewöhnliche Getränk.
Herr Moko entging dass natürlich nicht. Er zog die Augenbrauen hoch. Herr Heilmann, warum schmunzeln Sie?
Die Beichte, die keine war.
Tja, Angriff ist die beste Verteidigung. Ich dachte mir: Komm, spiel mit offenen Karten, der Mann vertraut dir Millionen-Logistik an, der verträgt auch die Wahrheit.
Wissen Sie, Herr Moko, sagte ich mit einem Augenzwinkern, früher hätte ich jetzt ganz elegant einen schweren Wein dazu bestellt. Aber als trockener Alkoholiker lasse ich das heute mal lieber sein. Das wäre für das Geschäft und mein Überleben dezent kontraproduktiv.
Ich atmete tief durch und wartete auf das übliche Bullshit-Bingo, das man in solchen Momenten erwartet:
>Oh, tut mir leid, macht es Ihnen was aus, wenn ich…?
>Respekt, starke Leistung!
>Hätten Sie den Auftrag abgelehnt, wenn ich ein Bier bestellt hätte?
Ich war auf alles vorbereitet. Auf Mitleid, auf Bewunderung, auf betretenes Schweigen.
Herr Moko sah mich einfach nur ganz ruhig an. Keine Sekunde des Zögerns. Er zuckte nicht mal mit der Wimper. Dann legte er die Karte ab und sagte mit einer absoluten, staubtrockenen Selbstverständlichkeit:
Ja. Wir trockene Alkoholiker wissen eben ganz genau, was wir nicht mehr wollen.
Schachmatt am Wassertisch
Ich glaube, in diesem Moment hätte man eine Stecknadel im Restaurant hören können zumindest in meinem Kopf. Da baust du dir jahrelang ein mentales Schutzschild auf, bereitest dich auf psychologische Tiefeninterviews mit Kunden vor, und dann sitzt dir einfach dein eigener Spiegel gegenüber.
Wir sahen uns an. Das Schmunzeln verwandelte sich in ein lautloses, wissendes Lachen zwischen zwei Männern, die genau wussten, wie die Straße des Lebens abseits des Asphalts verlaufen kann. Das Eis war nicht nur gebrochen, es war quasi verdampft. Der Fisch schmeckte hervorragend, das stille Wasser prickelte zwar nicht im Glas, aber die Chemie am Tisch umso mehr. Wir hatten einen großartigen Abend, völlig ohne Promille, dafür mit maximalem Verständnis.
Als wir schließlich aus dem Restaurant traten und der freitägliche Abendwind uns um die Nase wehte, reichte mir Herr Moko die Hand zum Abschied. Er lächelte.
Herr Heilmann, Sie haben den Auftrag. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.
Ich blickte ihm nach und dachte mir: Manchmal muss man eben erst den LKW und den Alkohol stehen lassen, um Jahre später bei einem simplen Glas Wasser die ganz dicken Fische an Land zu ziehen. Tja, das Leben geht eigenartige Wege.