
BMI 30, Fritteusen-Optik und die Kunst, ein Wunder zu werden
Tag zwei im exklusiven Wellness-Resort namens „Entzugsklinik“. Ich schlenderte zur ärztlichen Untersuchung schließlich hatte ich noch mein persönliches Benchmark im Kopf: Mitte 20, bildschön, knackige 1,75 Meter auf 72 Kilo verteilt. Ein BMI von 23,5. Ein Prachtexemplar der Gattung Mann, bei dem Herz und Stoffwechsel im Gleichschritt eine Lobeshymne auf die Evolution sangen.
Doch als ich das Behandlungszimmer betrat, war die Evolution offenbar kurz eingenickt.
Das Erste, was die Klinikleitung den Patienten dort als psychologische Begrüßung vor die Nase geschraubt hatte, war ein riesiger, gnadenloser Spiegel. Ich blickte hinein und schaute an mir herab. Tja, die Länge war geblieben – immerhin stabile 1,75 Meter. Allerdings hatte der Rest der Materie beschlossen, sich spürbar auszudehnen: 93 Kilo. Ein BMI von glatten 30,0.
Der Herr Doktor war sichtlich fasziniert von dieser Transformation. „Starkes Übergewicht“, diagnostizierte er treffsicher. Es folgten Blutabnahme, EKG und schließlich Ultraschall. Als der Arzt mir das kalte Gel auf den Bauch schmierte, dachte ich kurz, ich bekomme jetzt das Ultraschallbild meines ersten Trimester-Babys gezeigt. Doch statt eines Fötus offenbarten die Bilder das trübe Trümmerfeld meines bisherigen Lebensstils: Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse alles sah eher nach einer schlecht gewarteten Fritteuse aus als nach funktionierenden Organen. Leber? Beleidigt. Stoffwechsel? In den Streik getreten. Herz-Kreislauf? Kurz vor dem Not-Aus.
Na ja, meinte der Arzt philosophisch, und Ihr Nervensystem sowie die Psyche dürften wohl auch gelitten haben, wenn ich Sie mir so ansehe. Aber deswegen sind Sie ja hier. Damit wir das alles wieder hinbekommen. Rundum wir müssen was tun!
Ich konnte die Steilvorlage natürlich nicht ungenutzt lassen. Wir, fragte ich süffisant.
Der Doktor blinzelte nicht einmal. Ja, wir. Ich passe auf, dass Sie es tun, und sag Ihnen genau, was Sie zu tun haben.
Was für eine hervorragende Ansage. Pädagogisch wertvoll, straff organisiert ich war begeistert.
An seiner Seite stand die Arzthelferin. Ein absoluter Blickfang. Sie schenkte mir einen Blick, in dem sich Mitleid, medizinische Faszination und eine Prise akutes Entsetzen mischten. Ich, der unfehlbare Charmeur, der im Laufe seines Lebens noch nie ein Problem gehabt hatte, eine Frau für sich zu gewinnen, sah meine Chance.
Ich setzte mein schiefes Promille-Lächeln auf und fragte charmant: Und was halten Sie denn von mir?
Sie zögerte keine Sekunde. Kein Nachdenken, keine Höflichkeitsfloskel. Nur ein einziges, kristallklares Wort bracht sie über die Lippen:
- Abstand -
Zack. Treffer, versenkt.
In diesem Moment verarbeitete mein lädiertes Gehirn die Aussage noch als kühle, professionelle Distanzierung einer Fachkraft. Erst im Laufe der nächsten Wochen und unzähligen Kontrolluntersuchungen dämmerte mir die unbarmherzige Wahrheit. Die Dame dachte nicht an Infektionsschutz. Sie meinte schlicht und ergreifend, dass sie sich eher freiwillig in einem Altöl-Tank einsperren lassen würde, als einen Typen wie mich auch nur für eine Zehntelsekunde als Mann in Betracht zu ziehen.
Ein einziges Wort. Mehr brauchte es nicht, um ein jahrzehntelang sorgsam gepflegtes, unumstößliches Männer-Ego mit einem leisen Puff in Wohlgefallen aufzulösen. Ich stand da dick, ramponiert, medizinisch als Sanierungsfall eingestuft und wusste für einen Moment wirklich nicht mehr, ob ich lachen, weinen oder einfach direkt nach dem nächsten Spiegel suchen sollte, um mich beim Universum zu beschweren.
Heute, mit gut 25 Jahren Abstand auf dieses denkwürdige Debakel, blicke ich milde lächelnd darauf zurück. Es hat damals ein verdammt langes, hartes Jahr gedauert, bis mein Körper beschloss, wieder ordentlich mitzuspielen und die Arbeit aufzunehmen. Ein Jahr, in dem jede Faser repariert werden musste.
Aber das sprichwörtliche letzte Lachen liegt bekanntlich auf der Seite des Patienten: Heute, mit knapp 69 Jahren, stehe ich immer noch mit meinen stabilen 1,75 Metern im Leben. Das Barometer zeigt sagenhafte 69 Kilo was rein rechnerisch punktlandungsmäßig wieder exakt einem BMI von 23,5 entspricht. Ich bin voll belastbar, fühle mich schlichtweg genial und würde dieses Lebensgefühl gegen nichts auf der Welt mehr eintauschen. Falls die Dame von damals mir heute über den Weg laufen sollte, bräuchte sie jedenfalls keinen Abstand mehr zu halten höchstens um kurz innezuhalten und sich zu wundern, wie gut man das Ruder doch wieder herumreißen kann.